Ist Gott barmherzig oder streng und gerecht?

Zugegeben, der Titel dieses Beitrags mit der Frage „Ist Gott barmherzig oder streng und gerecht?“ ist provokant und eigentlich nicht wirklich sinnig. Denn natürlich ist Gott beides, nämlich barmherzig und gerecht (und manchmal auch streng). Nur wird in der heutigen Zeit häufig nur die Barmherzigkeit Gottes betont, so als wenn es völlig egal wäre was man tut. Die Kirchenväter helfen uns auch bei diesem Thema die goldene Mitte zu finden.

Ambrosius (um 340-397), Bischof von Mailand und Kirchenlehrer, macht in seinem Kommentar deutlich, dass wir zwar durch Jesu Blut von aller Schuld freigekauft wurden und wir durch unser Tun nichts dazu beitragen können. Andererseits aber wir uns dennoch ernsthaft darum bemühen müssen, ein „geregeltes Leben“ nach den „Geboten des Herrn“ zu führen:

Welcher Mensch könnte sich durch sein eigenes Blut loskaufen, wenn Christus doch sein Blut vergossen hat zur Erlösung aller? Gibt es einen Menschen, dessen Blut gleich wertvoll wäre wie das Blut Christi […], der, und nur er, durch sein Blut die Welt mit Gott versöhnt hat? Gibt es ein erhabeneres Opfer, einen besseren Mittler als den, der sich selber zum inständigen Bittsteller für die Sünden aller gemacht und sein Leben als Lösegeld für uns hingegeben hat?

Wir dürfen also nicht nach einer individuellen Sühne oder Erlösung suchen; denn das als Lösegeld für alle vergossene Blut ist das Blut Christi. Durch dieses Blut hat uns der Herr Jesus losgekauft, er allein hat uns mit dem Vater versöhnt. Er hat sein mühsames Werk zu Ende geführt, denn er hat unsere Mühsal auf sich genommen, er, der sagt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28) […] Der Mensch kann also zu seiner Erlösung keine Beitrag in Form von Sühne leisten; denn das Blut Christi hat ihn ein für alle Mal von der Sünde rein gewaschen; er ist damit aber nicht von der Pflicht entbunden, sich um ein geregeltes Leben zu bemühen und darum, sich nicht von den Geboten des Herrn zu entfernen. Zeit seines Lebens wird er sich unaufhörlich um sein ewiges Leben abmühen, aus Angst, eines endgültigen Todes zu sterben – wo er doch schon vom Tod losgekauft ist! (in Kommentar zu Psalm 48,14-15; CSEL 64, 368; zitiert aus Evangelium Tag für Tag)

Cyprian (um 200-258), Bischof von Karthago und Märtyrer schreibt zur Vergebung der Schuld:

Der Herr verpflichtet uns, selbst die Schuldigkeit unserer Schuldner zu erlassen, so wie wir darum bitten, dass uns unsere Schuld nachgelassen wird (vgl. Mt 6,12). Wir müssen wissen, dass wir für uns nicht erlangen können, was wir erbitten hinsichtlich unserer Sünden, wenn wir nicht gleiches tun gegenüber denen, die sich gegen uns verfehlt haben. Deshalb sagt Christus an anderer Stelle: „nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Mt 7,2). Und der Diener, der nach Erlassung seiner ganzen Schuld seinerseits nicht diejenige seines Mitknechts erlassen wollte, wurde ins Gefängnis geworfen. Weil er seinem Mitknecht nicht gnädig sein wollte, verlor er, was sein Herr ihm gnädig zugestanden hatte. Dies stellt Christus mit noch mehr Nachdruck in die Reihe seiner Gebote, wenn er festsetzt […]: „Und wenn ihr beim Gebet steht und ihr habt einem anderen etwas vorzuwerfen, dann vergebt ihm, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt. Wenn ihr aber nicht vergebt, dann wird euch euer Vater im Himmel eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (vgl. Mk 11,25−26) […]

Als Abel und Kain, als erste, Opfer darbrachten, da waren es nicht die Opfergaben, auf die Gott schaute, sondern ihr Herz (vgl. Gen 4,3f.). Wessen Opfer ihm gefiel, dessen Herz gefiel ihm. Der friedfertige und gerechte Abel lehrte die anderen, als er Gott untadelig ein Opfer darbrachte, mit Gottesfurcht zu kommen, um ihre Gabe zum Altar zu bringen, mit einem einfältigen Herzen, gerechtem Sinn, Eintracht und Frieden. Indem er so disponiert Gott das Opfer darbrachte, verdiente er es, selbst ein kostbares Opfer zu werden und das erste Zeugnis des Martyriums zu geben. Er stellte im Voraus durch die Ehre seines Blutes die Passion des Herrn dar, weil er die Gerechtigkeit und den Frieden des Herrn besaß. Es sind ihm ähnliche Menschen, denen − als vom Herrn Gekrönte − am Tag des Gerichts mit ihm Gerechtigkeit zuteil wird. (in Das Gebet des Herrn, 23−24; zitiert aus Evangelium Tag für Tag)

Und Jesus selbst macht mit einem Gleichnis ganz deutlich wie wichtig es ist, seine Gebote nicht nur zu bedenken, sondern auch zu befolgen:

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? 22 Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.8 24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. 25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. 26 Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. 27 Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. 28 Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. 30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. 31 Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. 32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. 33 Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? 34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. 35 Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt. (Mt18, 21-35; zitiert aus bibelserver.com / Einheitsübersetzung)

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