Über die Bestrafung der Bösen

Johannes Chrysostomos (ca. 349 – 407 n.Chr.):
(Erzbischof von Konstantinopel, heute Istanbul/Türkei)

“Lasst uns beständig denken an den furchtbaren Richterstuhl, an den Feuerstrom, an die unlöslichen Ketten, an die Finsternis, die kein Lichtstrahl erhellt, an das Zähneknirschen, an den giftgeschwollenen Wurm!

— Aber Gott liebt ja die Menschen, (wendet man ein).

— So sind das also leere Worte? So hat also jener Reiche, der den Lazarus keines Blickes würdigte, keine Strafe zu leiden? So sind also die törichten Jungfrauen nicht vom Hochzeitsmahle ausgeschlossen? Und diejenigen, welche Christus nicht gespeist haben, werden nicht in das Feuer wandern, welches dem Teufel bereitet ist? Fiel also jener, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, nicht, an Händen und Füßen gebunden, dem Verderben anheim? Und der Knecht, der von seinem Mitknechte unbarmherzig die hundert Denare forderte, ist also nicht dem Peiniger überantwortet? Es ist also nicht wahr, was von den Ehebrechern gesagt ist: „Ihr Wurm wird nicht sterben, ihr Feuer nicht erlöschen“?  So sind das alles nur leere Drohungen?

— Jawohl, antwortest du.

— Sag’ mir, wie kannst du dich erkühnen, über eine so wichtige Sache eine so willkürliche Behauptung auszusprechen? Ich kann dir sowohl aus den Worten wie auch aus den Taten Christi das Gegenteil beweisen. Wenn du den Drohungen mit zukünftigen Strafen nicht glauben willst, so glaube wenigstens denen, die bereits vollzogen sind; denn die sind eben bereits vollzogen und zu Tatsachen geworden, also gewiss keine bloße Drohungen und leeren Worte.

Wer hat den ganzen Erdkreis unter Wasserfluten begraben, jene entsetzliche Überschwemmung und den Untergang unseres ganzen Geschlechtes herbeigeführt? Wer hat nachher jene Blitze und jenen Vertilgungsbrand über das Gebiet von Sodoma herabgesandt? Wer hat die ganze Macht Ägyptens ins Meer versenkt? Wer hat die sechshunderttausend Menschen in der Wüste umkommen lassen? Wer hat die Rotte Abirons durch Feuer vernichtet? Wer hat der Erde geboten, ihren Mund aufzutun und die Gefährten des Kore und Dathan zu verschlingen? Wer hat zur Zeit Davids siebzigtausend Menschen in einem Augenblick dahingerafft? Soll ich noch jene anführen, die einzeln gestraft wurden? Den Kain, den nie endende Strafe traf? Den Charmi, der mit seinem ganzen Hause gesteinigt ward? Den Mann, der dasselbe Schicksal erlitt, weil er am Sabbate Holz gesammelt hatte? Jene zweiundvierzig Knaben, die von wilden Tieren zerrissen wurden und nicht einmal mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter Verzeihung erhielten?

Willst du aber auch Beispiele aus dem Zeitalter der Gnade sehen, so denk daran, was die Juden zu erleiden hatten: wie Weiber ihre eigenen Kinder aufaßen, manche gebraten, manche auf andere Weise als Speise zubereitet; wie sie unerträglicher Hungersnot und vielfältigen schrecklichen Kriegen preisgegeben, durch das Übermaß ihres Unglückes der Welt ein nie gesehenes Trauerspiel darboten. Es war Christus, der diese Leiden über sie kommen ließ. Höre nur, wie er sie ihnen vorausgesagt hatte teils in Parabeln, teils in klaren, deutlichen Worten! In Parabeln, wenn er z. B. sagt: „Die mich nicht zum Könige haben wollten, die führet her und tötet sie!“  Ferner in den Parabeln vom Weinstock und vom Hochzeitsmahl. In klaren Worten wenn er droht, dass sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Völker; … dass sie im fremden Lande Angst ausstehen werden wegen des ungestümen Rauschens des Meeres, daß die Menschen verschmachten werden vor Furcht . Ferner: „Es wird alsdann eine große Trübsal sein dergleichen nicht gewesen ist noch fernerhin sein wird“ .

Was Ananias und Saphira für eine Strafe litten wegen der Unterschlagung weniger Geldstücke, ist euch allen bekannt. Übrigens siehst du nicht selbst täglich Unglücksfälle über die Menschen hereinbrechen? Oder sind das auch nicht wirkliche Tatsachten? Siehst du nicht auch jetzt Leute vor Hunger umkommen? an Elephantiasis und Aussatz hinsiechen? in bitterer Not und Armut ihr Dasein fristen? tausendfältige Leiden erdulden? Was hätte es für einen Sinn, die einen zu strafen, die andern nicht? Wenn Gott nicht ungerecht ist —und er ist es nicht —, dann wirst gewiss auch du für deine Sünden Strafe erleiden.

Wenn es wahr wäre, dass Gott nicht straft, weil er zu lieb dazu ist, dann hätte er auch jene nicht strafen dürfen. Nun straft aber Gott oft schon hier auf Erden gerade um solcher Reden willen, wie ihr sie führt. Wenn ihr seinen Drohworten nicht glaubt, sollt ihr durch Tatsachen dazu gebracht werden, an seine Strafe zu glauben. Und weil früher Geschehenes euch nicht solche Furcht einjagt, darum läßt er in jedem Menschenalter solche Dinge geschehen, um durch das, was sich in der Jetztzeit ereignet, der Vermessenheit jeden Vorwand zu nehmen.

Aber, fragst du, warum straft Gott nicht alle schon hier auf Erden? — Um den andern Frist zur Umkehr zu gewähren.

— Und warum straft er nicht alle erst im Jenseits? — Damit nicht etwa viele an seiner Vorsehung irre werden. — Wie viele Räuber werden gefangen, während andere straflos entkommen? Wo bleibt da die Liebe Gottes? — An mir wäre es, dich so zu fragen. Denn wäre nie jemand gestraft worden dann hättest du allerdings eine Ausflucht. So aber, wenn die einen bestraft werden, die andern aber trotz schlimmerer Sünden straflos ausgehen, wo bliebe da die Gerechtigkeit, wenn es für dieselben Sünden nicht dieselben Strafen gäbe? — Hat es aber da nicht den Anschein, dass denen, die gestraft werden, unrecht geschieht?

Warum werden nicht alle hier auf Erden gestraft? — Höre die Antwort, die Christus selbst auf diese Frage gibt! Als nämlich beim Einsturz eines Turmes einige Leute ums Leben gekommen waren, sprach er zu denen, die darüber betroffen waren: „Meint ihr, dass diese größere Sünder waren als alle andern? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise zugrunde gehen“ . Er gibt uns eine Mahnung, nicht vermessentlich zu vertrauen, wenn wir trotz unserer vielen Sünden keine Strafe erleiden, während andere gestraft werden. Denn wenn wir uns nicht bekehren, so werden wir gewiss dieselbe Strafe erleiden.

Wieso, fragt man, werden wir ewig gestraft werden, da wir doch hienieden nur kurze Zeit gesündigt haben?  — Wieso wird, frage ich dawider, ein Mensch für einen Mord, den er in einem Augenblick begangen hat, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Metallbergwerken verurteilt? — Aber Gott tut das nicht, sagst du. — Warum, sagt mir, ließ er aber den Gichtbrüchigen achtunddreißig Jahre lang in so schwerer Strafe schmachten? Dass sein Leiden eine Strafe für Sünden war, vernimm aus seinem eigenen Munde: „Siehe“, spricht er, „du bist gesund geworden; sündige nun ferner nicht mehr!“

— Aber er wurde ja doch davon erlöst, sagst du. Ja, aber dort wird es nicht so sein. Dass es dort keine Erlösung geben wird, dafür vernimm den Ausspruch Christi selbst: „Ihr Wurm wird nicht sterben und das Feuer nicht erlöschen“ , und: „Diese werden zum ewigen Leben, jene aber zur ewigen Strafe gehen“ . Wenn nun das Leben ewig ist, so ist auch die Strafe ewig.

Siehst du nicht, was der Herr den Juden angedroht hatte? Traf nun diese Drohung nicht ein, oder waren es leere Worte? „Es wird kein Stein auf dem andern bleiben“ . Nun, und blieb einer auf dem andern? Und das weitere, was er sprach: „Es wird eine Trübsal sein, wie dergleichen keine gewesen ist“?  Hat sich’s nicht erfüllt? Lies nur die Geschichte des Josephus (Flavius), und der Atem wird dir stehen bleiben beim bloßen Hören der Dinge, die damals die Juden erlitten. Das sage ich, nicht um euch zu betrüben, sondern um euch nicht in falsche Sicherheit einzuwiegen und euch nicht durch unangebrachte Milde ein unglückliches Los zu bereiten. Warum, sag’ mir, solltest du für Sünden nicht Strafe verdient haben? Hat dir der Herr nicht alles vorausgesagt? Hat er dir nicht gedroht? Hat er dir nicht Hilfe geleistet? Hat er nicht unendlich viel für dein Heil getan? Hat er dir nicht das Bad der Wiedergeburt geschenkt und alles Frühere nachgelassen? Hat er dir nicht auch nach dieser Sündennachlassung und nach diesem Bad, wenn du wieder gesündigt hast, seine Hilfe zur Bekehrung gewährt? Hat er dir nicht den Weg der Sündenvergebung leicht gemacht?

Höre nur, welches Gebot er gegeben hat! „Wenn du deinem Nächsten vergibst, so vergebe ich auch dir“ , sagt er. Liegt darin eine Schwierigkeit? „Schaffet Recht der Waise und nehmt euch der Witwe an bei Gericht“, spricht er, „und dann werden wir rechten mitsammen. Wenn eure Sünden rot wären wie Purpur, so will ich sie weiß machen wie Schnee.“  Kostet das eine Anstrengung? „Bekenne deine Sünden, auf dass du der Rechtfertigung teilhaftig werdest!“  Ist das etwas Schweres? „Kaufe dich los von deinen Sünden durch Almosen!“  Gehört dazu besondere Mühe? Der Zöllner sprach bloß: „Sei gnädig mir Sünder!“  und er ging gerechtfertigt von dannen. Ist es denn schwer, diesem Zöllner es nachzutun?

Und doch willst du es immer noch nicht glauben, dass es eine Strafe und eine rächende Vergeltung gibt? „Gehet hinweg in das Feuer“, heißt es, „das dem Teufel bereitet ist!“  Gibt es keine Hölle, dann hat auch der Teufel keine Strafe zu erleiden. Wird aber der Teufel gestraft, dann auch wir; denn auch wir haben Gott den Gehorsam verweigert, wenn auch nicht auf dieselbe Weise. Wie du dich nur nicht fürchtest und es wagst, eine so vermessene Rede zu führen? Denn wenn du sagst: Gott liebt uns Menschen und straft uns darum nicht, und er straft euch dennoch, so erscheint er euch gegenüber nicht als Gott der Liebe. Siehst du, zu was für törichten Reden euch der Teufel verleitet?

— Und was weiter? Werden denn wohl die Mönche, die einsam in Gebirgen wohnen und ungezählten Tugendübungen obliegen, keinen Lohn dafür empfangen? Denn wenn die Bösen nicht bestraft werden und es keine Vergeltung gibt, so könnte jemand mit dem gleichen Recht behaupten, dass es auch keine Belohnung der Guten geben wird. — Nein, antwortest du. Gerade das geziemt sich für Gott, dass es einen Himmel gebe, aber keine Hölle. — Also wird der Unzüchtige und der Ehebrecher und der schlimmste Sünder der nämlichen Seligkeit teilhaftig werden wie jene, die sich durch ein enthaltsames und heiligmäßiges Leben ausgezeichnet haben? Und Paulus wird neben Nero gestellt werden, ja selbst der Teufel neben Paulus? Denn wenn es keine Hölle gibt, aber doch eine Auferstehung aller, dann werden die Bösen ja derselben Seligkeit teilhaftig werden wie die Gerechten. Welcher Mensch, und wäre er auch ganz vom Verstand gekommen, möchte so etwas behaupten? Ja, welcher Teufel, frage ich, möchte so etwas sagen? Denn auch die bösen Geister bekennen, dass es eine Hölle gibt. Darum schrieen sie (zu Christi Zeiten): „Bist du hierher gekommen, uns vor der Zeit zu quälen?“  Fürchtest du dich nicht, erschauderst du nicht davor, das zu leugnen, was selbst die bösen Geister bekennen? Wie kannst du nur nicht sehen, wer der ist der dich so verderbliche Sätze lehrt? Es ist der, welcher schon von Anbeginn den Menschen betrogen, ihm Hoffnungen auf Größeres vorgespiegelt und ihm dabei das Gute, das er in Händen hielt, entrissen hat; derselbe ist es auch jetzt, der dir solche Reden und Gedanken einflüstert. Seine Absicht, warum er manche überreden möchte, zu denken, es gebe keine Hölle, ist die, dass er sie in die Hölle hinabstürze, Gott dagegen droht mit der Hölle und hat sie vorbereitet, damit du dir die Drohung zu Gemüte führest und so lebest, dass du nicht in die Hölle kommst.

Es könnte noch die Frage entstehen, warum die bösen Geister, wenn es keine Hölle gäbe, doch ihren Glauben an eine solche bekannten, während der Teufel dich überreden möchte, nicht daran zu glauben, obzwar es doch eine gibt? Liegt ja jenen doch auch daran, dass wir nichts dergleichen fürchten, damit wir auf diese Weise sorglos und um so leichtsinniger werden und so mit ihnen in jenes Feuer hinabstürzen. Warum bekannten sie also, könnte man fragen, zu Jesu Zeit ihren Glauben an die Hölle? Sie konnten einfach dem Zwang, der sich ihnen aufdrängte, nicht widerstehen.

(…)

Siehst du denn nicht, was der Heiland schon hienieden getan hat? Wie er von den zwei Räubern, die er neben sich hatte, nicht jedem dasselbe Schicksal zuteil werden ließ, sondern den einen in den Himmel einführte, den andern aber zur Hölle schickte? Doch was spreche ich von einem Räuber und Mörder? Hat er doch seines Apostels nicht geschont, als er zum Verräter geworden war! Obzwar er voraussah, dass er dem Stricke zu renne, sich aufhängen und zerbersten werde — „er barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide fielen heraus“  —, obzwar er das alles voraus wusste, so ließ er ihn doch alles das erleiden, um dich zum Glauben an die Strafen im Diesseits und Jenseits zu bewegen.

Betrügt euch also nicht selbst, indem ihr euch vom Teufel beschwatzen lasst! Jawohl, Teufelsgedanken sind das. Denn wenn schon irdische Richter und Herren und Lehrer, auch Heiden, die Guten belohnen und die Bösen bestrafen, was wäre das für eine Gerechtigkeit, wenn bei Gott das Gegenteil der Fall wäre, wenn er den Guten und den Bösen ganz gleich behandelte? Wie sollten da die Menschen ablassen von der Sünde? Wenn sie schon jetzt, wo sie doch Strafe zu fürchten haben und in beständiger Furcht vor den Richtern und den Gesetzen schweben, nicht abstehen von der Sünde, wie sollen sie erst dann davon ablassen, wenn sie sich auch noch frei gemacht haben von der Furcht vor einer Strafe nach dem Tode im Jenseits, ja, wenn sie nicht bloß nicht in die Hölle, sondern sogar noch in den Himmel kommen sollen? Sag’ nun, ist das Liebe, wenn man die Schlechtigkeit fördert, wenn man für die Sünde noch eine Belohnung in Aussicht stellt, wenn man den Enthaltsamen und den Wüstling, den Gläubigen und den Gottlosen, Paulus und den Teufel ganz gleich einschätzt?

Doch was ereifern wir uns noch weiter darüber? — Ich bitte euch also, lasst ab von diesem Wahnsinn, kommt zu euch selbst, lehrt eure Seele Furcht und Zittern! So werdet ihr im Jenseits der Hölle entgehen, im Diesseits ein eingezogenes Leben führen und einst die ewigen Güter erlangen, was uns allen zuteil werden möge durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, durch den und mit dem Ehre sei dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste bis in alle Ewigkeit. Amen.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Chrysostomus: Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, 26. Homilie, Kap. 14, 4.-6.)