Über die Erschaffung des Menschen

Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202 n.Chr.):
(Bischof in Lugdunum in Gallien, heute Lyon/Frankreich)

“In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, dass Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. Und unter dem, was von ihm umfasst wird, sind auch wir erschaffen. Hierüber sagt die Schrift: „Und es bildete Gott den Menschen, indem er den Schlamm der Erde nahm, und er hauchte in sein Antlitz den Hauch des Lebens“ [Gen. 2,7 ].

Die Engel also haben uns nicht gemacht, noch gebildet, noch konnten sie uns nach dem Bilde Gottes machen, noch irgend ein anderer außer dem Worte des Herrn, noch irgend eine Kraft, die von dem Vater des Weltalls weit entfernt war. Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluss geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: „Lasst uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis“ [Gen. 1,26 ], indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.

Es gibt einen schönen Ausspruch der Schrift, welcher lautet: „Zuerst vor allem glaube, dass es einen Gott gibt, der das Weltall geschaffen und aus dem Nichtsein alles Sein gemacht und vollendet hat. Alles umfasst er, und von niemand wird er umfasst“ [Hirte des Hermas 2,1 ]. Schön heißt es aber auch bei dem Propheten Malachias: „Ist nicht einer Gott, der uns erschaffen hat? Ist nicht einer der Vater von uns allen?“[Mal 2,10 ] Desgleichen sagt auch der Apostel: „Ein Gott Vater, der über allem und in uns allen ist“ [Eph 4,6 ] . In gleicher Weise spricht auch der Herr: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden“ [Mat 11,27 ]; offenbar von dem, welcher alles gemacht hat. Denn nicht Fremdes, sondern das Eigene übergab er ihm. Wenn aber alles, dann ist nichts seiner Macht entzogen, und deshalb ist er auch der Richter der Lebendigen und der Toten; „er hat den Schlüssel Davids, er öffnet, und niemand schließt, er schließt, und niemand öffnet“ [Off 3,7 ]. Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde.

Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch „tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden“ [1. Petr 2,22 ], herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde.

Und dass das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Dass aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: „Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau“ [Spr 3,19-20 ] .Und wiederum; „Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich“ [Spr 8,22-25 ]. Und wiederum: „Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern“ [Spr 8,27-31 ].

Der eine Gott also, der durch sein Wort und die Weisheit alles gemacht und geordnet hat, ist auch der Demiurg, der diese Welt dem Menschengeschlecht angewiesen hat. In seiner Größe ist er allen denen, die er gemacht hat, unbekannt, denn keiner von den Alten, die dahingegangen sind, noch von denen, die jetzt noch leben, hat seine Höhe erforscht; in seiner Liebe aber wird er immer von dem erkannt, durch den er alles gemacht hat. Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an vorherverkündigt, dass „Gott von den Menschen geschaut werden“ [Bar 3,37 ] und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns „erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen“ [Lk 1,71 ] , d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, und bewirken, dass wir „ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage“ [Lk 1,75 ], damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, 4. Buch, 20.Kap.,5. Abs.)