Was macht einen Menschen zu einem Jünger Jesu? Sind es besondere geistliche Fähigkeiten? Die Macht, Krankheiten zu heilen, böse Geister auszutreiben oder außergewöhnliche Zeichen zu wirken?
Johannes Cassianus erinnert uns daran, dass Jesus selbst den Schwerpunkt anders setzt: Nicht die außergewöhnlichen Gaben sind das Entscheidende, sondern ein demütiges und sanftmütiges Herz.
„Kommt“, sagt er, „und lernt von mir“, wahrhaftig nicht, dass ihr die Teufel mit himmlischer Macht austreibt, nicht, die Aussätzigen rein oder die Blinden sehend zu machen oder Tote zu erwecken […] „Ihr aber“, sagt er, „lernt das von mir, dass ich sanftmütig bin und demütig von Herzen“ (vgl. Mt 11,28–29). Denn das ist es, was alle insgesamt lernen und ausüben können; aber die Zeichen und Wunderwerke sind weder immer notwendig, noch sind sie allen verliehen.
Johannes Cassianus (um 360–435), Klostergründer in Marseille
Die Demut ist also die Meisterin aller Tugenden, sie ist die festeste Grundlage des himmlischen Gebäudes, die eigentliche, herrliche Gabe des Erlösers. Durch sie wirkt alle Wunder, welche Christus getan hat, ohne Gefahr der Überhebung, wer immer dem sanften Herrn nicht in der Erhabenheit der Zeichen, sondern in der Tugend der Geduld und Demut nachfolgt. Wer aber die Herrschaft über die bösen Geister oder die Verleihung der Gesundheit an Kranke oder irgendein Wunderzeichen den Leuten zur Schau tragen will, der ist, obwohl er bei seinen Prahlereien den Namen Christi anruft, doch fern von Christus, weil er dem Lehrer der Demut mit seinem hochmütigen Geist nicht folgt.
Denn auch als dieser zum Vater ging und sozusagen ein Testament machte, hinterließ er den Jüngern, dass er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt.“ Und sogleich fügt er hinzu: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zu einander habt“ (vgl. Joh 13,34–35). Er sagt nicht, wenn ihr Zeichen und Wunder gleich mir tut, sondern: wenn ihr eine würdige Liebe zu einander habt, welche ganz gewiss nur die Sanftmütigen und Demütigen bewahren können.
15. Unterredung mit den Vätern, 7
(vgl. Bibliothek der Kirchenväter), zitiert azsdaus
Die größte Gabe ist ein demütiges Herz
Johannes Cassianus stellt hier eine wichtige Unterscheidung heraus: Es gibt Gaben, die Gott einzelnen Menschen schenkt. Dazu kann auch heute das Charisma der Heilung gehören. Die Kirche muss die Möglichkeit solcher Gaben nicht leugnen. Auch heute kann Gott Menschen in besonderer Weise gebrauchen, damit durch ihr Gebet oder ihren Dienst Heilung geschieht – zumindest vereinzelt und immer als freies Geschenk Gottes.
Eine solche Gabe ist jedoch weder eine persönliche Fähigkeit, über die jemand nach Belieben verfügen könnte, noch ein Beweis dafür, dass dieser Mensch heiliger oder Gott näher ist als andere. Heilung kann nicht erzwungen, vorgeführt oder als religiöse Leistung beansprucht werden.
Nicht jeder kann Kranke heilen. Nicht jeder besitzt dieselben geistlichen Gaben. Manche können besonders gut trösten, andere Menschen im Glauben stärken, zuhören, Orientierung geben oder praktische Hilfe leisten. Entscheidend ist nicht, welche Gabe ein Mensch empfangen hat, sondern ob er sie in Demut und Liebe für andere einsetzt.
Jesus selbst sagt nicht: „Lernt von mir, außergewöhnliche Dinge zu tun.“ Er sagt: „Lernt von mir, dass ich sanftmütig bin und demütig von Herzen.“
Das kann jeder Mensch lernen. Jeder kann versuchen, geduldiger zu werden. Jeder kann aufhören, sich selbst ständig in den Mittelpunkt zu stellen. Jeder kann einem anderen Menschen mit Respekt begegnen, auch wenn dieser anders denkt oder anders lebt.
Demut bedeutet dabei nicht, sich selbst kleinzumachen. Ein demütiger Mensch muss seine Begabungen nicht verleugnen. Er weiß nur, dass sie ihm anvertraut sind und nicht dazu dienen, sich über andere zu erheben.
Die Gefahr des geistlichen Stolzes
Gerade im religiösen Bereich kann Stolz sehr leicht entstehen. Wer besondere Erfahrungen gemacht hat, wer überzeugend beten kann oder wer sich als besonders gläubig erlebt, kann versucht sein, auf andere herabzusehen.
Cassianus warnt davor, den Namen Christi zu gebrauchen und dabei doch einem Geist zu folgen, der Christus widerspricht. Denn Jesus hat seine Macht niemals benutzt, um sich selbst darzustellen. Seine Zeichen dienten nicht seiner Selbsterhöhung, sondern der Heilung und dem Leben anderer.
Wo Menschen ihre Frömmigkeit zur Schau stellen, andere abwerten oder geistliche Macht über sie ausüben wollen, dort ist Vorsicht geboten. Nicht jedes religiöse Auftreten kommt wirklich aus dem Geist Jesu.
Das Erkennungszeichen der Christen
Am Ende verweist Cassianus auf Jesu „neues Gebot“: „Liebt einander.“
Jesus nennt nicht außergewöhnliche Wunder das Erkennungszeichen seiner Jünger. Er sagt: Die Menschen werden daran erkennen, dass ihr zu mir gehört, wenn ihr einander liebt.
Das ist ein nüchternes und zugleich anspruchsvolles Kriterium. Denn Liebe zeigt sich nicht nur in großen Gefühlen. Sie zeigt sich in Geduld, im Zuhören, im Verzeihen, in einem freundlichen Wort und in der Bereitschaft, den anderen nicht sofort festzulegen.
Vielleicht liegt genau darin das größte Wunder: dass ein Mensch nicht zurückschlägt, obwohl er verletzt wurde; dass er einem anderen seine Würde lässt; dass er nicht auf sein Recht pocht; dass er trotz Enttäuschung liebevoll bleibt.
Die Demut ist nicht spektakulär. Sie macht wenig Lärm. Aber sie schafft Raum für Gott und für andere Menschen.
Darum dürfen wir uns fragen:
- Suche ich eher Gottes Nähe oder die Anerkennung anderer?
- Kann ich meine Begabungen dankbar annehmen, ohne mich über andere zu stellen?
- Woran würden die Menschen in meinem Umfeld erkennen, dass ich zu Christus gehöre?
- Wo könnte ich heute sanfter, geduldiger oder demütiger handeln?
Nicht jeder Christ erhält die Gabe der Heilung oder ist zu großen Zeichen berufen. Aber jeder Mensch ist zur Liebe berufen.
Und vielleicht ist genau das die tiefste Form, Christus ähnlich zu werden.
Das Titelbild und der Text wurden mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.
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