Kirchenväter

Über die Kircheneinheit

Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202 n.Chr.):
(Bischof in Lugdunum in Gallien, heute Lyon/Frankreich)

“Richten wird er auch die, welche Spaltungen verursachen. Leer von Gottesliebe, schauen sie auf den eigenen Nutzen, aber nicht auf die Einsicht der Kirche, wegen kleiner und nichtiger Ursachen zerschneiden sie den großen und herrlichen Leib Christi in Stücke und möchten ihn, so viel an ihnen liegt, töten. Sie sagen Friede und machen Krieg, seihen die Mücken und verschlingen das Kamel [Mt 23,24 ]. Denn nimmermehr können sie irgend eine Besserung bewerkstelligen, die so groß ist wie der Schaden eines Schismas.

Richten wird er auch alle, die außerhalb der Wahrheit, d.h. außerhalb der Kirche, sind. Er selbst aber wird von niemand gerichtet werden. Denn alles ist bei ihm wohlbegründet: ein vollständiger Glaube an den einen allmächtigen Gott, aus dem alles ist; ein festes Vertrauen auf Jesus Christus, den Sohn Gottes, unseren Herrn, durch den alles ist, und an seine Fürsorge, durch die der Mensch zum Sohne Gottes wurde, und an den Geist Gottes, der die Erkenntnis der Wahrheit verleiht und die Fürsorge des Vaters und des Sohnes darlegt, kraft deren er nach dem Willen des Vaters dem Menschengeschlecht beistand.

Die wahre Gnosis ist die Lehre der Apostel und das alte Lehrgebäude der Kirche für die ganze Welt. Den Leib Christi erkennt man an der Nachfolge der Bischöfe, denen die Apostel die gesamte Kirche übergeben haben. Hier sind die Schriften in treuer Überlieferung bewahrt; nichts ist hinzugetan, nichts ist fortgenommen. Hier werden sie unverfälscht verlesen und gesetzmäßig, sorgfältig, gefahrlos und gottesfürchtig erklärt. Hier ist vor allem das Geschenk der Liebe, das kostbarer ist als die Erkenntnis, ruhmvoller als die Prophetengabe, vortrefflicher als alle übrigen Charismen.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, 4. Buch, 33.Kap.,7-8)


Cyprian von Karthago (ca. 200 – 285 n.Chr.):
(Bischof von Karthago in Nordafrika, heute Tunesien)

“Denn wenn es auch offensichtlich in der Kirche Unkraut gibt, so darf doch weder unser Glaube noch unsere Liebe derart Anstoß daran nehmen, dass wir selbst die Kirche verlassen, weil wir Unkraut in ihr bemerken. Wir haben vielmehr lediglich darauf hinzuarbeiten, dass wir Weizen [Vgl. Mt 13,25ff ] zu sein vermögen, damit wir die Frucht für unsere Mühe und Arbeit einheimsen, wenn einmal die Ernte in die Scheunen des Herrn geborgen werden soll.

Der Apostel sagt in seinem Briefe: ,,In einem großen Hause aber gibt es nicht nur goldene und silberne, sondern auch hölzerne und irdene Gefäße, und zwar sind einige zur Ehre, andere zur Unehre [2. Tim 2,20 ].“

Wollen wir uns Mühe geben und, soviel wir können, danach streben, dass wir ein goldenes oder silbernes Gefäß seien! Die irdenen Gefäße aber zu zerbrechen, ist nur dem Herrn erlaubt, dem auch die eiserne Rute gegeben ist. Der Knecht kann unmöglich größer sein als sein Herr; auch darf sich niemand etwas anmaßen, was der Vater nur seinem Sohne zugeteilt hat, und sich einbilden, zur Säuberung und Reinigung der Tenne selbst schon die Wurfschaufel führen oder durch sein menschliches Urteil alles Unkraut von dem Weizen scheiden zu können. Nur hochmütiger Starrsinn ist das und gottlose Anmaßung, die sich verworfener Wahnwitz herausnimmt.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Cyprian: Brief an römische Bekenner, 54. Brief, 3. Kap.)


Über die Nächstenliebe

Johannes Chrysostomos (ca. 349 – 407 n.Chr.):
(Erzbischof von Konstantinopel, heute Istanbul/Türkei)

“Die geistliche Liebe ist erhaben über jede andere, sie gleicht einer Königin, die über ihre Untergebenen herrscht, und zeigt sich in hehrer Gestalt. Keine irdische Ursache bringt sie hervor wie jene, nicht geselliger Umgang, nicht Dienstbeflissenheit, nicht Natur, nicht Zeit; sondern von oben her kommt sie, aus dem Himmel herab. Und wie kannst du dich wundern, dass sie der Wohltat nicht bedarf zu ihrem Bestand, da sie nicht einmal durch üble Behandlung erstickt wird?

Dass aber diese Liebe mächtiger ist als jene, magst du den Worten des hl. Paulus entnehmen: »Gerne wollte ich selbst ausgestoßen sein, fern von Christus, anstatt meiner Brüder.« [Röm 9,3 ]. Welcher Vater würde das wünschen, dass er selbst unglücklich werde? Und wiederum: »Aufgelöst zu werden, um bei Christus zu sein, wäre um vieles besser; im Fleische zu bleiben aber ist notwendiger um euretwillen.« [Phil 1,23f ]. Welche Mutter möchte eine solche Sprache führen und sich selbst so uneigennützig aufopfern?

Und vernimm einen weiteren Ausspruch von ihm: »Denn verwaist von euch für eine kurze Weile, dem Angesicht, nicht dem Herzen nach.« [1. Thess 2,17 ] Hier hat schon oft ein schwergekränkter Vater jede freundliche Beziehung abgebrochen, dort aber kommt das nicht vor. Sie (die geistliche Liebe) ist vielmehr hingegangen, um jene, die mit Steinigung drohten, mit Wohltaten zu überhäufen. Denn nichts, nichts ist so stark als das Band des Geistes.

Wer wegen empfangener Wohltaten Freund geworden ist, kann sich in einen Feind verwandeln, wenn man ihm nicht beständig Gefälligkeit erweist. Wer infolge vertrauten Umgangs unzertrennlich scheint, bricht den Umgang wieder ab und lässt die Freundschaft erkalten. Das Weib verlässt, wenn Zwistigkeiten ausbrechen, den Mann und verliert alle Liebe zu ihm. Der Sohn wird missmutig, wenn der Vater zu lange lebt. Bei der geistlichen Liebe aber findet nichts von all dem statt: sie wird durch nichts dergleichen aufgehoben, weil sie auch nicht auf dergleichen beruht. Weder Zeit noch weite Entfernung, noch schlechte Behandlung, noch üble Nachrede, nicht Zorn, nicht Übermut noch sonst etwas findet bei ihr Eingang oder vermag sie aufzulösen. Und damit du das begreifst: Moses wäre vom Volke beinahe gesteinigt worden, und er betete für es. Welcher Vater hätte das für den Sohn getan, der ihn steinigen wollte, und nicht statt dessen ihn getötet?

Nach dieser Art von Freundschaft also, die vom Heiligen Geiste stammt, wollen wir streben – denn sie ist stark und unauflöslich -, nicht nach jener, wie sie bei der Tafel geschlossen wird. Ist es uns doch sogar verboten, Freunde dort einzuführen. Denn höre, was Christus im Evangelium spricht: »Lade nicht deine Freunde noch deine Nachbarn ein, wenn du ein Gastmahl gibst, sondern die Lahmen und die Krüppel!« [Luk 14,12f ]

(aus “Einsichten des Glaubens – Texte der Kirchenväter”, hrsg. A. Heilmann und H. Kraft, dtv, 1968 bzw. Kösel Verlag München, 1963-1966, Johannes Chrysostomus: Kommentar zum Kolosserbrief, 1. Homilie, 3)


Über die Taufe

Justin der Märtyrer (ca. 100 – 165 n.Chr.):
(christlicher Philosoph in Rom, Italien)

“Alle, die sich von der Wahrheit unserer Lehren und Aussagen überzeugen lassen, die glauben und  versprechen, dass sie es vermögen, ihr Leben darnach einzurichten, werden angeleitet zu beten, und unter Fasten Verzeihung ihrer früheren Vergehungen von Gott zu erflehen, Auch wir beten und fasten mit ihnen.

Dann werden sie von uns an einen Ort geführt, wo Wasser ist, und werden neu geboren in einer Art von Wiedergeburt, die wir auch selbst an uns erfahren haben; denn im Namen Gottes, des Vaters und Herrn aller Dinge, und im Namen unseres Heilandes Jesus Christus und des Heiligen Geistes nehmen sie alsdann im Wasser ein Bad.

Christus sagte nämlich: „Wenn ihr nicht wiedergeboren werdet, werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen“ [Joh 3,3 ]. Dass es nun aber für die einmal Geborenen unmöglich ist, in ihrer Mutter Leib zurückzukehren, leuchtet allen ein. Durch den Propheten Isaias ist, wie wir früher mitgeteilt haben, gesagt worden, auf welche Weise die, welche gesündigt haben und Buße tun, von ihren Sünden loskommen werden. Die Worte lauten: „Waschet, reinigt euch, schafft die Bosheiten fort aus euren Herzen, lernet Gutes tun, seid Anwalt der Waise und helfet der Witwe zu ihrem Rechte, und dann kommt und lasst uns rechten, spricht der Herr. Und sollten eure Sünden sein wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle; sind sie wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Wenn ihr aber nicht auf mich hört, wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat gesprochen“ [Jes 1,16-20 ].

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen [vgl. Gal 4,26ff  und [Eph 5,6ff ]. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht.

Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Justin der Märtyrer: Erste Apologie, Kap. 61)


Über die Eucharistie (“Danksagung”/Abendmahl)

Justin der Märtyrer (ca. 100 – 165 n.Chr.):
(christlicher Philosoph in Rom, Italien)

“Darauf werden dem Vorsteher der Brüder Brot und ein Becher mit Wasser und Wein gebracht; der nimmt es und sendet Lob und Preis dem Allvater durch den Namen des Sohnes und des Heiligen Geistes empor und spricht eine lange Danksagung dafür, dass wir dieser Gaben von ihm gewürdigt worden sind.

Ist er mit den Gebeten und mit der Danksagung zu Ende, so gibt das ganze Volk seine Zustimmung mit dem Worte „Amen“. Dieses Amen bedeutet in der hebräischen Sprache soviel wie: Es geschehe! Nach der Danksagung des Vorstehers und der Zustimmung des ganzen Volkes teilen die, welche bei uns Diakonen heißen, jedem der Anwesenden von dem verdankten Brot, Wein und Wasser mit und bringen davon auch den Abwesenden.

Diese Nahrung heißt bei uns Eucharistie. Niemand darf daran teilnehmen, als wer unsere Lehren für wahr hält, das Bad zur Nachlassung der Sünden und zur Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt. Denn nicht als gemeines Brot und als gemeinen Trank nehmen wir sie; sondern wie Jesus Christus, unser Erlöser, als er durch Gottes Logos Fleisch wurde, Fleisch und Blut um unseres Heiles willen angenommen hat, so sind wir belehrt worden, dass die durch ein Gebet um den Logos, der von ihm ausgeht, unter Danksagung geweihte Nahrung, mit der unser Fleisch und Blut durch Umwandlung genährt wird, Fleisch und Blut jenes fleischgewordenen Jesus sei.

Denn die Apostel haben in den von ihnen stammenden Denkwürdigkeiten, welche Evangelien heißen, überliefert, es sei ihnen folgende Anweisung gegeben worden: Jesus habe Brot genommen, Dank gesagt und gesprochen: „Das tut zu meinem Gedächtnis, das ist mein Leib“, und ebenso habe er den Becher genommen, Dank gesagt und gesprochen: „Dieses ist mein Blut“, und er habe nur ihnen davon mitgeteilt.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Justin der Märtyrer: Erste Apologie, Kap. 65-66)


Fulgentius von Ruspe (ca. 467 – 533 n.Chr.):
(Bischof von Ruspe in Nordafrika, heute Tunesien)

“Halte mit felsenfestem, unerschütterlichem Glauben daran fest, dass das menschgewordene, eingeborene Wort Gottes sich für uns als Opfer und Opfergabe Gott zum lieblichen Wohlgeruch dargebracht hat! [Eph 5,2 ] Ihm wurden in der Zeit des Alten Bundes zugleich mit dem Vater und dem Heiligen Geist von den Patriarchen, Propheten und Priestern Tiere geopfert; jetzt, in der Zeit des Neuen Testamentes, bringt die heilige katholische Kirche ihm zugleich mit dem Vater und dem Heiligen Geist, mit denen er dieselbe göttliche Natur besitzt, in Glaube und Liebe unaufhörlich auf dem gesamten Erdkreis das Opfer des Brotes und Weines dar.

Jene fleischlichen Opfer nämlich waren ein Sinnbild des Fleisches Christi, das er selbst ohne Sünden für uns Sünder darzubringen bestimmt war, und des Blutes, das er zur Verzeihung unserer Sünden vergießen wollte. Dieses Opfer aber ist eine Danksagung und Erinnerung an den Leib Christi, den er für uns darbrachte, und an das Blut, das derselbe Gott für uns vergossen hat. Von ihm sagt der heilige Paulus in der Apostelgeschichte: „Habet acht auf euch und die gesamte Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat als Bischöfe, um die Kirche Gottes zu regieren, die er mit seinem Blute erworben hat!“ [Apg 20,28 ].

In jenen Opfern wurde symbolisch angezeigt, was uns geschenkt werden sollte; in diesem Opfer aber wird uns klar dargestellt, was uns bereits geschenkt worden ist. In jenen Opfern wurde der Gottessohn für uns vorausverkündet, der für die Sünder getötet werden wollte; in diesem Opfer aber wird er als der für die Sünder Getötete verkündet nach dem Zeugnis des Apostels, daß „Christus, als wir schwach waren, zur rechten Zeit für die Sünder gestorben ist“, [Röm 5,6 ] und daß wir, „als wir Feinde waren, Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt worden sind“. [Röm 5,10 ]”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Fulgentius von Ruspe : Vom Glauben an Petrus, Kap. 60)


Über den Gottesdienst

Justin der Märtyrer (ca. 100 – 165 n.Chr.):
(christlicher Philosoph in Rom, Italien)

“An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht. Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten. Darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor.

Und wie schon erwähnt wurde, wenn wir mit dem Gebete zu Ende sind, werden Brot, Wein und Wasser herbeigeholt, der Vorsteher spricht Gebete und Danksagungen mit aller Kraft, und das Volk stimmt ein, indem es das Amen sagt. Darauf findet die Ausspendung statt, jeder erhält seinen Teil von dem Konsekrierten; den Abwesenden aber wird er durch die Diakonen gebracht.

Wer aber die Mittel und guten Willen hat, gibt nach seinem Ermessen, was er will, und das, was da zusammenkommt, wird bei dem Vorsteher hinterlegt; dieser kommt damit Waisen und Witwen zu Hilfe, solchen, die wegen Krankheit oder aus sonst einem Grunde bedürftig sind, den Gefangenen und den Fremdlingen, die in der Gemeinde anwesend sind, kurz, er ist allen, die in der Stadt sind, ein Fürsorger.

Am Sonntage aber halten wir alle gemeinsam die Zusammenkunft, weil er der erste Tag ist, an welchem Gott durch Umwandlung der Finsternis und des Urstoffes die Welt schuf und weil Jesus Christus, unser Erlöser, an diesem Tage von den Toten auferstanden ist, Denn am Tage vor dem Saturnustage kreuzigte man ihn und am Tage nach dem Saturnustage, d. h. am Sonntage, erschien er seinen Aposteln und Jüngern und lehrte sie das, was wir zur Erwägung auch euch vorgelegt haben.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Justin der Märtyrer: Erste Apologie, Kap. 67)


Über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens

Johannes Chrysostomos (ca. 349 – 407 n.Chr.):
(Erzbischof von Konstantinopel, heute Istanbul/Türkei)

“Die gegenwärtige Welt vergeht, alles dauert nur eine Zeit lang, aber niemand bedenkt das, obgleich die Tatsachen es jeden Tag laut verkünden und ihre Stimme erschallen lassen. Die vorzeitigen Todesfälle, die verschiedenen Wechselfälle auch bei Lebzeiten sind uns keine Warnung, auch nicht die Körperschwäche und die sonstigen Krankheiten. Und nicht nur an unserem Leibe, auch an den Elementen lässt sich die Vergänglichkeit wahrnehmen.

Wie wir an den einzelnen Lebensaltern tagtäglich den Tod studieren können, so zeigt sich auch in den Erscheinungen der Natur allenthalben das Unbeständige als das Charakteristische. Nie ist der Winter beständig, nie der Sommer, nie der Frühling, nie der Herbst: alles ist im Enteilen, im Fortfliegen, im Vorüberströmen begriffen. Und was soll ich von den Blumen sagen, von den Ehren und Würden, von den Königen, die heute sind und morgen nicht mehr sind? Von den Reichen, von den glänzenden Palästen, von Nacht und Tag, von Sonne und Mond?…

Gibt es etwas Beständiges in der sichtbaren Welt? Nein. Nur die Seele in uns ist unvergänglich, und um diese kümmern wir uns nicht. Für die unbeständigen Dinge tragen wir Sorge, als seien sie bleibend; doch an die unsterbliche Seele denken wir überhaupt nicht, als sei sie ein vergängliches Ding. Dort steht ein Gewalthaber. Ja, bis morgen, dann ist es mit ihm vorbei. Es hat schon gewaltigere gegeben, und heute ist ihre Spur verschwunden.

Das Leben ist ein Schauspiel, ein Traum. Wie auf der Bühne mit der Entfernung der Szenerie die bunten Illusionen zerstieben, wie beim ersten Sonnenstrahl die Traumbilder entflattern, so ist es auch, wenn die letzte Stunde kommt, für die Gesamtheit und für den Einzelnen: alles zerfließt und entschwindet. Der Baum, den du gepflanzt, bleibt stehen, auch das Haus, das du gebaut, bleibt stehen: der Pflanzer aber und der Erbauer werden hinweggerafft und vernichtet. Und trotz alledem lassen wir uns nicht bekehren. Gleich Unsterblichen richten wir unser ganzes Dasein ein und ergeben uns dem Schwelgen und Prassen.

Höre, was Salomon spricht, der die Dinge dieser Welt aus Erfahrung kannte. »Ich habe mir Häuser gebaut«, sagt er, »Gärten, Parkanlagen, Weinberge gepflanzt; ich hatte Wasserteiche, hatte Gold und Silber, verschaffte mir Sänger und Sängerinnen, Schaf- und Rinderherden.« Niemand huldigte so sehr dem Lebensgenuss, niemand war so berühmt, niemand so weise, niemand trug eine so glänzende Krone, niemand ging alles so sehr nach seinem Sinn. Nun, und was war es ? Von all dem hatte er gar nichts. Im Gegenteil: was ruft er nach an diesen Genüssen? »O Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist Eitelkeit!« Nicht einfach Eitelkeit, nein, der höchste Steigerungsgrad.

Glauben wir ihm, ich bitte euch, dem erfahrenen Manne! Glauben wir ihm und wenden wir uns einem Gebiete zu, wo keine Eitelkeit, sondern Wahrheit, wo alles fest und beständig, wo alles auf Felsen gegründet ist, wo es kein Altern, keine Vergänglichkeit gibt, wo alles in ewiger Blüte steht; wo nichts altert, nichts grau wird, nichts schwindet. Suchen wir Gott, ich bitte euch, in echter Weise, nicht aus Furcht vor der Hölle, sondern aus Sehnsucht nach dem Himmel!

Denn, sage doch: was kann ein größeres Glück sein, als Christus zu schauen, als die ewige Seligkeit zu genießen? Nichts, gar nichts. Ganz natürlich. Denn: »Kein Auge hat es geschaut, kein Ohr hat es vernommen, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.« [1. Kor 2,9 ] Nach jenen Gütern wollen wir trachten und die irdischen verschmähen.

Tausendmal beklagen wir uns über diese und sagen, es sei gar nichts mit dem menschlichen Dasein. Aber warum jagst du dann diesem Nichts nach? Warum mühst du dich um dieses Nichts? Du siehst glänzende Paläste, und dieser Anblick bedrückt dich. Schaue doch gleich zum Himmel empor, wende das Auge von diesen Steinen und Säulen empor zu der Schönheit dort oben, dann wird dir das da unten wie ein Werk von Ameisen und Mücken vorkommen. Wähle den Gesichtspunkt der Weisheit. Steige hinaus zum Himmel und blicke von dort herunter auf die glänzenden Paläste: da wirst du sehen, dass sie nichts sind, ein Spielzeug für kleine Kinder.

Weißt du nicht, wieviel dünner, wieviel leichter, wieviel reiner und durchsichtiger die Luft ist, je weiter man in die Höhe steigt? Dort oben haben jene, die Barmherzigkeit üben, ihre Häuser und Zelte. Die da unten zerfallen am Tag der Auferstehung zu Staub, oder vielmehr schon vor der Auferstehung hat sie der Lauf der Zeit zerstört, weggewischt, vernichtet, ja, früher als der Zahn der Zeit hat oft ein Erdbeben sie mitten in ihrer Frische und Pracht weggefegt, oder ein Brand hat die ganze Herrlichkeit geschwärzt. Denn nicht nur im menschlichen Leben gibt es einen vorzeitigen Tod, sondern auch bei Gebäuden. Oft sind Bauwerke, die mit der Zeit morsch geworden waren, bei einer Erderschütterung unversehrt stehen geblieben; leuchtende, festgegründete Neubauten aber sind bei einem bloßen Donnerschlag eingestürzt und zugrunde gegangen, wie ich glaube, auf Fügung Gottes, damit wir nicht so großen Stolz in unsere Häuser setzen.” (aus “Einsichten des Glaubens – Texte der Kirchenväter”, hrsg. A. Heilmann und H. Kraft, dtv, 1968 bzw. Kösel Verlag München, 1963-1966, Johannes Chrysostomus: Homilien 1. Timotheusbrief 15,3-4)


Über die Bestrafung der Bösen

Johannes Chrysostomos (ca. 349 – 407 n.Chr.):
(Erzbischof von Konstantinopel, heute Istanbul/Türkei)

“Lasst uns beständig denken an den furchtbaren Richterstuhl, an den Feuerstrom, an die unlöslichen Ketten, an die Finsternis, die kein Lichtstrahl erhellt, an das Zähneknirschen, an den giftgeschwollenen Wurm!

— Aber Gott liebt ja die Menschen, (wendet man ein).

— So sind das also leere Worte? So hat also jener Reiche, der den Lazarus keines Blickes würdigte, keine Strafe zu leiden? So sind also die törichten Jungfrauen nicht vom Hochzeitsmahle ausgeschlossen? Und diejenigen, welche Christus nicht gespeist haben, werden nicht in das Feuer wandern, welches dem Teufel bereitet ist? Fiel also jener, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, nicht, an Händen und Füßen gebunden, dem Verderben anheim? Und der Knecht, der von seinem Mitknechte unbarmherzig die hundert Denare forderte, ist also nicht dem Peiniger überantwortet? Es ist also nicht wahr, was von den Ehebrechern gesagt ist: „Ihr Wurm wird nicht sterben, ihr Feuer nicht erlöschen“?  So sind das alles nur leere Drohungen?

— Jawohl, antwortest du.

— Sag’ mir, wie kannst du dich erkühnen, über eine so wichtige Sache eine so willkürliche Behauptung auszusprechen? Ich kann dir sowohl aus den Worten wie auch aus den Taten Christi das Gegenteil beweisen. Wenn du den Drohungen mit zukünftigen Strafen nicht glauben willst, so glaube wenigstens denen, die bereits vollzogen sind; denn die sind eben bereits vollzogen und zu Tatsachen geworden, also gewiss keine bloße Drohungen und leeren Worte.

Wer hat den ganzen Erdkreis unter Wasserfluten begraben, jene entsetzliche Überschwemmung und den Untergang unseres ganzen Geschlechtes herbeigeführt? Wer hat nachher jene Blitze und jenen Vertilgungsbrand über das Gebiet von Sodoma herabgesandt? Wer hat die ganze Macht Ägyptens ins Meer versenkt? Wer hat die sechshunderttausend Menschen in der Wüste umkommen lassen? Wer hat die Rotte Abirons durch Feuer vernichtet? Wer hat der Erde geboten, ihren Mund aufzutun und die Gefährten des Kore und Dathan zu verschlingen? Wer hat zur Zeit Davids siebzigtausend Menschen in einem Augenblick dahingerafft? Soll ich noch jene anführen, die einzeln gestraft wurden? Den Kain, den nie endende Strafe traf? Den Charmi, der mit seinem ganzen Hause gesteinigt ward? Den Mann, der dasselbe Schicksal erlitt, weil er am Sabbate Holz gesammelt hatte? Jene zweiundvierzig Knaben, die von wilden Tieren zerrissen wurden und nicht einmal mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter Verzeihung erhielten?

Willst du aber auch Beispiele aus dem Zeitalter der Gnade sehen, so denk daran, was die Juden zu erleiden hatten: wie Weiber ihre eigenen Kinder aufaßen, manche gebraten, manche auf andere Weise als Speise zubereitet; wie sie unerträglicher Hungersnot und vielfältigen schrecklichen Kriegen preisgegeben, durch das Übermaß ihres Unglückes der Welt ein nie gesehenes Trauerspiel darboten. Es war Christus, der diese Leiden über sie kommen ließ. Höre nur, wie er sie ihnen vorausgesagt hatte teils in Parabeln, teils in klaren, deutlichen Worten! In Parabeln, wenn er z. B. sagt: „Die mich nicht zum Könige haben wollten, die führet her und tötet sie!“  Ferner in den Parabeln vom Weinstock und vom Hochzeitsmahl. In klaren Worten wenn er droht, dass sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Völker; … dass sie im fremden Lande Angst ausstehen werden wegen des ungestümen Rauschens des Meeres, daß die Menschen verschmachten werden vor Furcht . Ferner: „Es wird alsdann eine große Trübsal sein dergleichen nicht gewesen ist noch fernerhin sein wird“ .

Was Ananias und Saphira für eine Strafe litten wegen der Unterschlagung weniger Geldstücke, ist euch allen bekannt. Übrigens siehst du nicht selbst täglich Unglücksfälle über die Menschen hereinbrechen? Oder sind das auch nicht wirkliche Tatsachten? Siehst du nicht auch jetzt Leute vor Hunger umkommen? an Elephantiasis und Aussatz hinsiechen? in bitterer Not und Armut ihr Dasein fristen? tausendfältige Leiden erdulden? Was hätte es für einen Sinn, die einen zu strafen, die andern nicht? Wenn Gott nicht ungerecht ist —und er ist es nicht —, dann wirst gewiss auch du für deine Sünden Strafe erleiden.

Wenn es wahr wäre, dass Gott nicht straft, weil er zu lieb dazu ist, dann hätte er auch jene nicht strafen dürfen. Nun straft aber Gott oft schon hier auf Erden gerade um solcher Reden willen, wie ihr sie führt. Wenn ihr seinen Drohworten nicht glaubt, sollt ihr durch Tatsachen dazu gebracht werden, an seine Strafe zu glauben. Und weil früher Geschehenes euch nicht solche Furcht einjagt, darum läßt er in jedem Menschenalter solche Dinge geschehen, um durch das, was sich in der Jetztzeit ereignet, der Vermessenheit jeden Vorwand zu nehmen.

Aber, fragst du, warum straft Gott nicht alle schon hier auf Erden? — Um den andern Frist zur Umkehr zu gewähren.

— Und warum straft er nicht alle erst im Jenseits? — Damit nicht etwa viele an seiner Vorsehung irre werden. — Wie viele Räuber werden gefangen, während andere straflos entkommen? Wo bleibt da die Liebe Gottes? — An mir wäre es, dich so zu fragen. Denn wäre nie jemand gestraft worden dann hättest du allerdings eine Ausflucht. So aber, wenn die einen bestraft werden, die andern aber trotz schlimmerer Sünden straflos ausgehen, wo bliebe da die Gerechtigkeit, wenn es für dieselben Sünden nicht dieselben Strafen gäbe? — Hat es aber da nicht den Anschein, dass denen, die gestraft werden, unrecht geschieht?

Warum werden nicht alle hier auf Erden gestraft? — Höre die Antwort, die Christus selbst auf diese Frage gibt! Als nämlich beim Einsturz eines Turmes einige Leute ums Leben gekommen waren, sprach er zu denen, die darüber betroffen waren: „Meint ihr, dass diese größere Sünder waren als alle andern? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise zugrunde gehen“ . Er gibt uns eine Mahnung, nicht vermessentlich zu vertrauen, wenn wir trotz unserer vielen Sünden keine Strafe erleiden, während andere gestraft werden. Denn wenn wir uns nicht bekehren, so werden wir gewiss dieselbe Strafe erleiden.

Wieso, fragt man, werden wir ewig gestraft werden, da wir doch hienieden nur kurze Zeit gesündigt haben?  — Wieso wird, frage ich dawider, ein Mensch für einen Mord, den er in einem Augenblick begangen hat, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Metallbergwerken verurteilt? — Aber Gott tut das nicht, sagst du. — Warum, sagt mir, ließ er aber den Gichtbrüchigen achtunddreißig Jahre lang in so schwerer Strafe schmachten? Dass sein Leiden eine Strafe für Sünden war, vernimm aus seinem eigenen Munde: „Siehe“, spricht er, „du bist gesund geworden; sündige nun ferner nicht mehr!“

— Aber er wurde ja doch davon erlöst, sagst du. Ja, aber dort wird es nicht so sein. Dass es dort keine Erlösung geben wird, dafür vernimm den Ausspruch Christi selbst: „Ihr Wurm wird nicht sterben und das Feuer nicht erlöschen“ , und: „Diese werden zum ewigen Leben, jene aber zur ewigen Strafe gehen“ . Wenn nun das Leben ewig ist, so ist auch die Strafe ewig.

Siehst du nicht, was der Herr den Juden angedroht hatte? Traf nun diese Drohung nicht ein, oder waren es leere Worte? „Es wird kein Stein auf dem andern bleiben“ . Nun, und blieb einer auf dem andern? Und das weitere, was er sprach: „Es wird eine Trübsal sein, wie dergleichen keine gewesen ist“?  Hat sich’s nicht erfüllt? Lies nur die Geschichte des Josephus (Flavius), und der Atem wird dir stehen bleiben beim bloßen Hören der Dinge, die damals die Juden erlitten. Das sage ich, nicht um euch zu betrüben, sondern um euch nicht in falsche Sicherheit einzuwiegen und euch nicht durch unangebrachte Milde ein unglückliches Los zu bereiten. Warum, sag’ mir, solltest du für Sünden nicht Strafe verdient haben? Hat dir der Herr nicht alles vorausgesagt? Hat er dir nicht gedroht? Hat er dir nicht Hilfe geleistet? Hat er nicht unendlich viel für dein Heil getan? Hat er dir nicht das Bad der Wiedergeburt geschenkt und alles Frühere nachgelassen? Hat er dir nicht auch nach dieser Sündennachlassung und nach diesem Bad, wenn du wieder gesündigt hast, seine Hilfe zur Bekehrung gewährt? Hat er dir nicht den Weg der Sündenvergebung leicht gemacht?

Höre nur, welches Gebot er gegeben hat! „Wenn du deinem Nächsten vergibst, so vergebe ich auch dir“ , sagt er. Liegt darin eine Schwierigkeit? „Schaffet Recht der Waise und nehmt euch der Witwe an bei Gericht“, spricht er, „und dann werden wir rechten mitsammen. Wenn eure Sünden rot wären wie Purpur, so will ich sie weiß machen wie Schnee.“  Kostet das eine Anstrengung? „Bekenne deine Sünden, auf dass du der Rechtfertigung teilhaftig werdest!“  Ist das etwas Schweres? „Kaufe dich los von deinen Sünden durch Almosen!“  Gehört dazu besondere Mühe? Der Zöllner sprach bloß: „Sei gnädig mir Sünder!“  und er ging gerechtfertigt von dannen. Ist es denn schwer, diesem Zöllner es nachzutun?

Und doch willst du es immer noch nicht glauben, dass es eine Strafe und eine rächende Vergeltung gibt? „Gehet hinweg in das Feuer“, heißt es, „das dem Teufel bereitet ist!“  Gibt es keine Hölle, dann hat auch der Teufel keine Strafe zu erleiden. Wird aber der Teufel gestraft, dann auch wir; denn auch wir haben Gott den Gehorsam verweigert, wenn auch nicht auf dieselbe Weise. Wie du dich nur nicht fürchtest und es wagst, eine so vermessene Rede zu führen? Denn wenn du sagst: Gott liebt uns Menschen und straft uns darum nicht, und er straft euch dennoch, so erscheint er euch gegenüber nicht als Gott der Liebe. Siehst du, zu was für törichten Reden euch der Teufel verleitet?

— Und was weiter? Werden denn wohl die Mönche, die einsam in Gebirgen wohnen und ungezählten Tugendübungen obliegen, keinen Lohn dafür empfangen? Denn wenn die Bösen nicht bestraft werden und es keine Vergeltung gibt, so könnte jemand mit dem gleichen Recht behaupten, dass es auch keine Belohnung der Guten geben wird. — Nein, antwortest du. Gerade das geziemt sich für Gott, dass es einen Himmel gebe, aber keine Hölle. — Also wird der Unzüchtige und der Ehebrecher und der schlimmste Sünder der nämlichen Seligkeit teilhaftig werden wie jene, die sich durch ein enthaltsames und heiligmäßiges Leben ausgezeichnet haben? Und Paulus wird neben Nero gestellt werden, ja selbst der Teufel neben Paulus? Denn wenn es keine Hölle gibt, aber doch eine Auferstehung aller, dann werden die Bösen ja derselben Seligkeit teilhaftig werden wie die Gerechten. Welcher Mensch, und wäre er auch ganz vom Verstand gekommen, möchte so etwas behaupten? Ja, welcher Teufel, frage ich, möchte so etwas sagen? Denn auch die bösen Geister bekennen, dass es eine Hölle gibt. Darum schrieen sie (zu Christi Zeiten): „Bist du hierher gekommen, uns vor der Zeit zu quälen?“  Fürchtest du dich nicht, erschauderst du nicht davor, das zu leugnen, was selbst die bösen Geister bekennen? Wie kannst du nur nicht sehen, wer der ist der dich so verderbliche Sätze lehrt? Es ist der, welcher schon von Anbeginn den Menschen betrogen, ihm Hoffnungen auf Größeres vorgespiegelt und ihm dabei das Gute, das er in Händen hielt, entrissen hat; derselbe ist es auch jetzt, der dir solche Reden und Gedanken einflüstert. Seine Absicht, warum er manche überreden möchte, zu denken, es gebe keine Hölle, ist die, dass er sie in die Hölle hinabstürze, Gott dagegen droht mit der Hölle und hat sie vorbereitet, damit du dir die Drohung zu Gemüte führest und so lebest, dass du nicht in die Hölle kommst.

Es könnte noch die Frage entstehen, warum die bösen Geister, wenn es keine Hölle gäbe, doch ihren Glauben an eine solche bekannten, während der Teufel dich überreden möchte, nicht daran zu glauben, obzwar es doch eine gibt? Liegt ja jenen doch auch daran, dass wir nichts dergleichen fürchten, damit wir auf diese Weise sorglos und um so leichtsinniger werden und so mit ihnen in jenes Feuer hinabstürzen. Warum bekannten sie also, könnte man fragen, zu Jesu Zeit ihren Glauben an die Hölle? Sie konnten einfach dem Zwang, der sich ihnen aufdrängte, nicht widerstehen.

(…)

Siehst du denn nicht, was der Heiland schon hienieden getan hat? Wie er von den zwei Räubern, die er neben sich hatte, nicht jedem dasselbe Schicksal zuteil werden ließ, sondern den einen in den Himmel einführte, den andern aber zur Hölle schickte? Doch was spreche ich von einem Räuber und Mörder? Hat er doch seines Apostels nicht geschont, als er zum Verräter geworden war! Obzwar er voraussah, dass er dem Stricke zu renne, sich aufhängen und zerbersten werde — „er barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide fielen heraus“  —, obzwar er das alles voraus wusste, so ließ er ihn doch alles das erleiden, um dich zum Glauben an die Strafen im Diesseits und Jenseits zu bewegen.

Betrügt euch also nicht selbst, indem ihr euch vom Teufel beschwatzen lasst! Jawohl, Teufelsgedanken sind das. Denn wenn schon irdische Richter und Herren und Lehrer, auch Heiden, die Guten belohnen und die Bösen bestrafen, was wäre das für eine Gerechtigkeit, wenn bei Gott das Gegenteil der Fall wäre, wenn er den Guten und den Bösen ganz gleich behandelte? Wie sollten da die Menschen ablassen von der Sünde? Wenn sie schon jetzt, wo sie doch Strafe zu fürchten haben und in beständiger Furcht vor den Richtern und den Gesetzen schweben, nicht abstehen von der Sünde, wie sollen sie erst dann davon ablassen, wenn sie sich auch noch frei gemacht haben von der Furcht vor einer Strafe nach dem Tode im Jenseits, ja, wenn sie nicht bloß nicht in die Hölle, sondern sogar noch in den Himmel kommen sollen? Sag’ nun, ist das Liebe, wenn man die Schlechtigkeit fördert, wenn man für die Sünde noch eine Belohnung in Aussicht stellt, wenn man den Enthaltsamen und den Wüstling, den Gläubigen und den Gottlosen, Paulus und den Teufel ganz gleich einschätzt?

Doch was ereifern wir uns noch weiter darüber? — Ich bitte euch also, lasst ab von diesem Wahnsinn, kommt zu euch selbst, lehrt eure Seele Furcht und Zittern! So werdet ihr im Jenseits der Hölle entgehen, im Diesseits ein eingezogenes Leben führen und einst die ewigen Güter erlangen, was uns allen zuteil werden möge durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, durch den und mit dem Ehre sei dem Vater zugleich mit dem Hl. Geiste bis in alle Ewigkeit. Amen.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Chrysostomus: Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, 26. Homilie, Kap. 14, 4.-6.)


Über die Unterordnung unter die Obrigkeit

Johannes Chrysostomos (ca. 349 – 407 n.Chr.):
(Erzbischof von Konstantinopel, heute Istanbul/Türkei)

“ Röm Kap. 13, V. 1—10.
V. 1: „Jegliche Seele hat sich den obrigkeitlichen Gewalten unterzuordnen.”

Auf diesen Gegenstand legt der Apostel auch in andern Briefen viel Gewicht; wie er das Hausgesinde den Herren, so ordnet er die Untertanen den Herrschern unter. Er tut dies, um zu zeigen, dass Christus seine Gesetze nicht zum Umsturz der staatlichen Ordnung, sondern zu ihrer Verbesserung gegeben habe, und um uns zu belehren, dass wir nicht überflüssige und unnütze Kämpfe gegen dieselbe führen sollen. Es genügen ja schon die Anfeindungen, denen wir der Wahrheit wegen ausgesetzt sind, und es ist nicht nötig, noch überflüssige und unnütze Gefahren heraufzubeschwören.

(…)

 „Denn es gibt keine Obrigkeit ausser von Gott.“
— Was sagst du da? Jede obrigkeitliche Person ist also von Gott eingesetzt? So meine ich das nicht, will der Apostel sagen; ich spreche jetzt nicht von jeder einzelnen obrigkeitlichen Person, sondern von der Obrigkeit im allgemeinen. Dass es überhaupt obrigkeitliche Personen, dass es Herrscher und Untertanen gibt, dass nicht alles drunter und drüber geht, dass die Völker nicht wie Meereswogen hin- und hergetrieben werden, das, sag’ ich, ist ein Werk der Weisheit Gottes. Darum sagt er nicht: „Denn es gibt keine obrigkeitliche Person ausser von Gott“, sondern von der Einrichtung spricht er, wenn er sagt: „Denn es gibt keine Obrigkeit ausser von Gott.“

 „Die Obrigkeiten aber, die bestehen, sind von Gott angeordnet.“

— So will auch jener Weise, wenn er sagt: „Von Gott ist das Weib dem Manne verbunden“ , sagen, dass Gott die Ehe eingesetzt hat, nicht dass er jeden, der mit einem Weibe beisammen ist, selbst mit ihm verbindet. Wir sehen ja viele, die sündhafterweise und doch nach Ehegesetz miteinander beisammen sind, und können dies doch wohl nicht Gott zuschreiben. Der Weise will an jener Stelle nur dasselbe sagen, was Christus einmal gesagt hat: „Der von Anfang die Menschen schuf, hat sie als Mann und Weib erschaffen“, und weiter: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen“.

Weil Gleichheit im Range oft Anlass zu Streit gibt, so hat Gott verschiedene Obrigkeits- und Untertänigkeitsverhältnisse festgelegt, wie: zwischen Mann und Weib, zwischen Sohn und Vater, zwischen Greis und Jüngling, zwischen Sklave und Freiem, zwischen Herrscher und Untertan, zwischen Lehrer und Schüler. Was Wunder, dass das in der menschlichen Gesellschaft so ist, da doch Gott dasselbe beim menschlichen Körper so eingerichtet hat! Er hat an demselben nicht allen Gliedern den gleichen Rang gegeben, sondern das eine weniger vornehm, das andere vornehmer geschaffen. Auch bei den Tieren kann man dieselbe Beobachtung machen, so bei den Bienen, bei den Kranichen und bei den wilden Schafherden. Sogar das Meer entbehrt dieser Ordnung nicht, sondern auch hier ordnet sich bei manchen Gattungen von Fischen die Menge einem einzigen Leitfisch unter und unternimmt so weite Streifzüge.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Chrysostomus: Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Römer, 24. Homilie, Kap. 13, 1.)


Über die Erschaffung des Menschen durch den dreieinigen Gott

Irenäus von Lyon (ca. 135 – 202 n.Chr.):
(Bischof in Lugdunum in Gallien, heute Lyon/Frankreich)

“In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, dass Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. Und unter dem, was von ihm umfasst wird, sind auch wir erschaffen. Hierüber sagt die Schrift: „Und es bildete Gott den Menschen, indem er den Schlamm der Erde nahm, und er hauchte in sein Antlitz den Hauch des Lebens“ [Gen. 2,7 ].

Die Engel also haben uns nicht gemacht, noch gebildet, noch konnten sie uns nach dem Bilde Gottes machen, noch irgend ein anderer außer dem Worte des Herrn, noch irgend eine Kraft, die von dem Vater des Weltalls weit entfernt war. Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluss geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: „Lasst uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis“ [Gen. 1,26 ], indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.

Es gibt einen schönen Ausspruch der Schrift, welcher lautet: „Zuerst vor allem glaube, dass es einen Gott gibt, der das Weltall geschaffen und aus dem Nichtsein alles Sein gemacht und vollendet hat. Alles umfasst er, und von niemand wird er umfasst“ [Hirte des Hermas 2,1 ]. Schön heißt es aber auch bei dem Propheten Malachias: „Ist nicht einer Gott, der uns erschaffen hat? Ist nicht einer der Vater von uns allen?“[Mal 2,10 ] Desgleichen sagt auch der Apostel: „Ein Gott Vater, der über allem und in uns allen ist“ [Eph 4,6 ] . In gleicher Weise spricht auch der Herr: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden“ [Mat 11,27 ]; offenbar von dem, welcher alles gemacht hat. Denn nicht Fremdes, sondern das Eigene übergab er ihm. Wenn aber alles, dann ist nichts seiner Macht entzogen, und deshalb ist er auch der Richter der Lebendigen und der Toten; „er hat den Schlüssel Davids, er öffnet, und niemand schließt, er schließt, und niemand öffnet“ [Off 3,7 ]. Kein anderer weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde konnte das Buch des Vaters öffnen, noch ihn sehen, als das Lamm, welches geschlachtet wurde und mit seinem Blute uns erlöste. Von ebendemselben, der alles durch das Wort gemacht und mit seiner Weisheit geschmückt hat, empfing er auch die Gewalt über alles, als das Wort Fleisch wurde.

Nun herrscht das Wort auch auf Erden, wie es im Himmel geherrscht hat, denn als gerechter Mensch „tut es keine Sünde, noch wird in seinem Munde Falsch gefunden“ [1. Petr 2,22 ], herrscht auch unter der Erde, da es der Erstgeborene der Toten geworden ist. So sah, wie wir gesagt haben, alles seinen König, und im Fleische des Herrn begegnete uns das Licht des Vaters, strahlte von seinem Fleische auf uns aus, und so kam der Mensch zur Unverweslichkeit, indem er von dem väterlichen Lichte umgeben wurde.

Und dass das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Dass aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: „Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau“ [Spr 3,19-20 ] .Und wiederum; „Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich“ [Spr 8,22-25 ]. Und wiederum: „Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern“ [Spr 8,27-31 ].

Der eine Gott also, der durch sein Wort und die Weisheit alles gemacht und geordnet hat, ist auch der Demiurg, der diese Welt dem Menschengeschlecht angewiesen hat. In seiner Größe ist er allen denen, die er gemacht hat, unbekannt, denn keiner von den Alten, die dahingegangen sind, noch von denen, die jetzt noch leben, hat seine Höhe erforscht; in seiner Liebe aber wird er immer von dem erkannt, durch den er alles gemacht hat. Das ist aber sein Wort, unser Herr Jesus Christus, der in den letzten Zeiten Mensch unter Menschen geworden ist, um das Ende mit dem Anfang zu verbinden, d. h. den Menschen mit Gott. Deswegen empfingen die Propheten von demselben Worte die Prophetengabe und verkündeten seine Ankunft im Fleische, wodurch die Vermischung und Vereinigung des Menschen mit Gott nach dem Wohlgefallen des Vaters bewirkt wurde. Hatte doch das Wort von Anfang an vorherverkündigt, dass „Gott von den Menschen geschaut werden“ [Bar 3,37 ] und mit ihnen auf Erden verkehren und sprechen wird und beistehen seinem Geschöpfe, und es retten und von ihm sich aufnehmen lassen wird und uns „erretten werde aus den Händen aller, die uns hassen“ [Lk 1,71 ] , d. h. von jedem Geist des Ungehorsams, und bewirken, dass wir „ihm dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle unsere Tage“ [Lk 1,75 ], damit der Mensch den Geist Gottes umarme und eingehe in die Herrlichkeit des Vaters.

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Irenäus von Lyon: Gegen die Häresien, 4. Buch, 20.Kap.,5. Abs.)


Über die Dreieinigkeit Gottes

Tertullian (ca. 150 -230 n.Chr.):
(christlicher Schriftsteller, geb. in Karthago im heutigen Tunesien, lebte nach seiner Bekehrung zum Christentum in Rom, Italien)

“(…)Vor allem dem [der Erschaffung der Welt] nämlich existierte Gott allein und war sich selbst Welt, Raum und alles. Allein existierte er, weil nichts außer ihm war. Er war aber auch nicht einmal damals allein. Denn er hatte bei sich die Vernunft, die er in sich selbst hatte, die seinige. Denn Gott ist vernünftig und die Vernunft ist in Gott das erste, und so kommt von ihm alles. Diese Vernunft ist seine Erkenntnis. Die Griechen nennen sie Logos, wofür wir das Wort „Wort“ brauchen. Daher ist es bei den Unsern infolge schlichter Übersetzung gebräuchlich, zu sagen, „das Wort sei im Anfange bei Gott gewesen“, da man doch richtiger die Vernunft für älter halten müsste, weil Gott nicht bloß von Anfang an mit dem Worte, sondern auch noch vor dem Anfange mit der Vernunft versehen war und weil das Wort selbst, das auf der Vernunft basiert, anzeigt, dass letztere als seine Substanz das ältere sei. Jedoch auch so macht es keinen Unterschied. Denn, wenngleich Gott sein Wort noch nicht hatte ausgehen lassen, so hatte er es doch ebenso mit und in der Vernunft selbst bei sich, indem er schweigend dachte und mit sich überlegte, was er durch das Wort alsbald aussprechen wollte. Indem er nämlich mit seiner Vernunft ratschlagte und überlegte, machte er sie, die er mit dem Worte behandelte, zum Worte.

Um dies besser zu verstehen, erinnere Dich zuvor an Dich selber als an ein Bild und Gleichnis Gottes [Gen. 1,26 ] , zu welchem Zwecke Du die Vernunft in Dir hast. Denn Du bist ein mit Vernunft begabtes Wesen, und nicht bloss von einem mit Vernunft begabten Bildner geschaffen, sondern auch aus seiner Substanz beseelt. Betrachte, wie sich in Dir, wenn Du schweigend mit Dir selbst durch die Vernunft zu Kate gehest, genau dasselbe zuträgt, indem sie Dir bei jeder Bewegung Deines Denkens, bei jeder Regung Deiner Erkenntnis mit dem Worte entgegenkommt. Alles, was Du gedacht hast, ist Wort, was Du einsiehst, ist Vernunft. Du musst es in Deinem Geiste aussprechen, und wenn Du es aussprichst, so fühlst Du, dass das Wort mitspricht. Darin besteht eben diese Eigentümlichkeit selbst, kraft deren Du mit ihm denkend sprichst und sprechend denkst. So findet sich gewissermaßen in Dir ein zweites Wort, durch welches Du beim Denken sprichst und durch welches Du sprechend denkst; das Wort selbst ist ein zweites. Um wie viel vollkommener geht nun aber dieser Vorgang in Gott vor sich, für dessen Bild und Ähnlichkeit Du auch angesehen wirst! Denn er hat seine Vernunft und in der Vernunft das Wort in sich, sogar wenn er schweigt. Ich konnte also ohne Verwegenheit den Satz vorausschicken, Gott sei auch vor Erschaffung des Weltall nicht allein gewesen, da er ebenfalls seine Vernunft und in der Vernunft das Wort in sich selbst hatte, welch letzteres er durch Anstoßen zur zweiten Person in sich macht.

Diese Macht und dieses Verhalten der göttlichen Erkenntnis tritt in der hl. Schrift auch am Namen der Sophia zutage. Denn was ist weiser als die Vernunft, Gottes oder sein Wort? Vernimm daher von der Sophia, als von der erschaffenen zweiten Person auch die Worte: „Zuerst schuf mich der Herr, als den Anfang der Wege zu seinen Schöpfungen, bevor er die Erde machte, bevor die Berge hingestellt wurden; vor den Hügeln erzeugte er mich“ [Spr 8,22-25 ], nämlich in seiner Erkenntnis schaffend und zeugend. Erkenne sodann, wie sie bei der Trennung selbst bei ihm steht: „Als er den Himmel bereitete, war ich zugegen bei ihm zugleich, und als er die Feste gründete über den Winden, die darüber befindlichen Wolken, und als er ihre Quellen sicherstellte, die unter dem Himmel sind, da war ich mit ihm, alles festigend; ich war es, bei der er sich erfreute; alle Tage aber ergötzte ich mich in seiner Person.“ [Spr 8,27-30 ] Denn sobald Gott das, was er in sich mit der Vernunft, der Sophia und dem Wort beratschlagt hatte, in den betreffenden Substanzen und Arten hervortreten lassen wollte, brachte er zuerst das Wort selbst hervor, welches seine besondere Erkenntnis und Sophia in sich barg, damit das Weltall ins Dasein trete durch dasselbe Wort, durch welches es gedacht und beschlossen, oder richtiger schon gemacht worden war, insofern es sich in der göttlichen Erkenntnis befand. Denn nur das fehlte dem Weltall noch, dass es auch in seinen Einzeldingen und Substanzen offen erkannt und ergriffen würde.

Seine Eigenart und seinen Schmuck, seinen Laut und Ton empfing das Wort selbst damals, als Gott sprach: „Es werde Licht“.[Gen 1,3 ] Das ist die eigentliche Geburt des Wortes, wenn es aus Gott ausgeht, nachdem es von ihm unter dem Namen der Sophia zuerst zum Denken gegründet worden war. „Der Herr gründete mich am Anfang der Wege.“ [Spr 8,22 ] Sodann wurde es zum Wirken gezeugt: „Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm.“ [Spr 8,27 ] Darnach machte er es sich gleich. Durch sein Ausgehen aus ihm ist es sein „eingeborener Sohn“ [Kol 1,15 ] geworden, weil vor allem geboren, und zugleich einziger Sohn, weil allein aus Gott geboren im eigentlichen Sinne aus dem Mutterschoße seines Herzens, wie der Vater selber bezeugt: „Mein Herz ließ aufsteigen das vortreffliche Wort“. [Ps 45,2 ] Sodann sich über ihn freuend, sagt er zu ihm, der sich ebenfalls an seiner Person erfreute: „Du bist mein Sohn, heute habe ich Dich gezeugt“ [Ps 2,7 ] und „vor dem Morgenstern habe ich Dich gezeugt.“  In ähnlicher Weise bekannte auch der Sohn in seiner Person unter dem Namen der Sophia den Vater: „Der Herr hat mich gegründet zum Anfang der Wege zu seinen Werken“; „vor allen Hügeln hat er mich gezeugt.“ [Spr 8,22-25 ], Wenn hier die Sophia allerdings zu sagen scheint, dass sie vom Herrn zu seinen Werken und Wegen gegründet sei, anderwärts dagegen erklärt wird, dass durch das Wort alles und ohne dasselbe nichts gemacht worden sei, [Joh 1,3 ] wie es auch wiederum heisst: „Durch sein Wort sind die Himmel befestigt und durch seinen Geist alle ihre Gewalten“, [Ps 33,6 ] natürlich durch den Geist, der dem Worte innewohnte, —- dann leuchtet ein, dass der Name „Sophia“ und die Bezeichnung „Wort“, die den Anfang der Wege zu den Werken Gottes erhielt und den Himmel befestigte, durch welche alles gemacht und ohne die nichts gemacht worden ist, —- eine und dieselbe Bedeutung haben.

Doch nun nichts mehr über den Irrtum, als sei es nicht das Wort selber, das auch unter dem Namen der Sophia, des Intellektes und des gesamten göttlichen Odems und Geistes Sohn Gottes geworden ist, von welchem letztern es ausging und erzeugt wurde! Folglich gebt Ihr zu, fragt man uns, dass das Wort, das auf dem Geiste und der Übergabe der Sophia beruht, eine Substanz sei? Allerdings. Man will nämlich nicht, dass das Wort kraft seiner ihm eigentümlichen Substanz Substanzialität habe, dass es nicht als Ding für sich und als Person erscheine und dass somit der von Gott als zweiter hingestellte nicht imstande sei, das Dasein zweier Personen zu bewirken, des Vaters und des Sohnes, Gottes und des Wortes. ‚ Denn, sagt man, was ist denn Wort anders als ein Laut und Ton des Mundes, oder wie die Grammatiker sagen, bewegte Luft, die dem Gehör vernehmlich wird, im übrigen aber etwas Wesenloses, Leeres und Unkörperliches?

Dagegen behaupte ich, aus Gott kann nichts Wesenloses und Leeres hervorgehen, weil es nämlich nicht aus etwas selbst Wesenlosem und Leerem hervorgegangen ist, und was von einer so erhabenen Substanz ausging und so bedeutende Substanzen hervorrief, das kann nicht selber ohne Substanz sein. Denn, was durch ihn geschaffen worden ist, das erschuf er selber. Was sollte es heissen, wenn der, von welchem alles gemacht worden ist, selber nichts wäre, dass ein Wesenloser das Stoffliche, das Leere Volles, der Unkörperliche Körperliches gemacht habe?! Wenn das Bewirkte auch manchmal vom Bewirkenden verschieden sein kann, so kann doch nichts gewirkt werden durch ein wesenloses und leeres Ding. Ist nun wohl das Wort Gottes, das auch Sohn genannt, das sogar selbst als Gott bezeichnet wird, etwas Leeres und Wesenloses? „Das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Es steht geschrieben: „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen.“ Es ist ganz gewiss dasselbe mit dem, „der, da er als ein Bild Gottes hingestellt war, es nicht für Raub hielt, Gott gleich zu sein“.[Phil 2,6 ] Aber in welchem Bilde Gottes? Jedenfalls nicht in einem unähnlichen, nicht in einem schlechten. Denn wer wollte leugnen, dass Gott, obwohl Geist, doch auch Körper sei. Denn der Geist ist Körper in seiner Weise, in seinem Bilde. Ja auch die unsichtbaren Dinge, so viel deren existieren, haben bei Gott sowohl ihren Körper als auch ihre Gestalt, wodurch sie Gott sichtbar sind; um wie viel weniger wird das, was aus seiner Substanz selber hervorgegangen ist, der Substanzialität entbehren. Welches nun auch die Substanz des Wortes ist, ich nenne es eine Person, lege ihm den Namen Sohn bei, und indem ich es als Sohn anerkenne, behaupte ich, er sei der zweite nach dem Vater.

(…) Bei uns kennt der Sohn allein den Vater, er hat den Schoß des Vaters selbst beschrieben; [Joh 1,18 ] er hat beim Vater alles gehört und gesehen, und was ihm vom Vater aufgetragen worden ist, das verkündet er; er tut nicht seinen Willen, sondern den des Vaters, den er ganz genau, ja sogar von Anfang an gekannt hat. „Denn wer weiss, was in Gott ist, als der Geist, der in ihm ist“? [1. Kor. 2,11 ] Das Wort ist aber auf den Geist gebaut, ja es ist gewissermaßen der Körper des Geistes. Das Wort ist also stets im Vater, wie es heisst: „Ich Mir im Vater“ [Joh 14,11 ] und stets bei dem Vater, wie geschrieben steht: „Das Wort war bei Gott“ [Joh 1,1 ] und es ist niemals vom Vater getrennt, noch ein anderes als der Vater. Denn —- „ich und der Vater sind eins“. [Joh 10,30 ]

Das ist die Probole [Hervorbringung] in der richtigen Lehre, die Wahrerin der Einheit, wonach wir den Sohn vom Vater hervorgebracht, aber nicht abgesondert sein lassen. Gott hat nämlich, wie auch der Paraklet [Hl. Geist] lehrt, das Wort hervorgebracht, wie eine Wurzel den Schössling, eine Quelle den Bach oder die Sonne den Strahl. Denn auch diese Einzelwesen sind eine Probole der Substanzen, aus denen sie hervorgehen. Ich würde gar keinen Anstand nehmen, auch den Sohn Schössling der Wurzel, Bach der Quelle und Strahl der Sonne zu nennen. Denn jeder Ursprung ist ein Vater, und alles, was aus dem Ursprung hervorgeht, ist ein Abkömmling davon, noch viel mehr also das Wort Gottes, welches sogar im eigentlichen Sinne den Namen Sohn bekommen hat. Der Schössling reisst sich ebenso wenig von der Wurzel, der Bach von der Quelle und der Strahl von der Sonne los, als das Wort von Gott. Nach Analogie solcher Beispiele rede ich also, wie ich gestehe, von zweien, von Gott und seinem Wort, vom Vater und seinem Sohn. Denn auch der Schössling und die Wurzel sind zweierlei Dinge, aber sie sind verbunden; der Bach und die Quelle zwei verschiedene Einzelwesen aber ungeteilt; die Sonne und der Strahl zwei Formen, aber zusammenhängend. Alles, was aus irgend etwas anderem hervorgeht, ist notwendig das zweite nach dem, woraus es hervorgeht, aber darum doch nicht von ihm getrennt. Wo ein zweiter ist, da sind zwei, und wo ein dritter, drei. Der dritte ist nämlich der Geist von Vater und Sohn, wie das dritte die aus dem Schössling hervorgehende Frucht, der aus dem Bach von der Quelle entstehende Fluss, das aus dem Strahl von der Sonne kommende Lichtflämmchen. Nichts jedoch wird von seinem Mutterwesen, woraus es seine Eigenschaften ableitet, losgerissen. So tut auch die Dreifaltigkeit, die vom Vater durch zusammenhängende und an einander gefügte Stufen herkommt, der Monarchie keinen Eintrag, sondern leistet dem Wesen der Ökonomie Vorschub.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Tertullian: Gegen Praxeas, 5.-8. Kap.)


Über die Geistes- und Wundergaben

Justin der Märtyrer (ca. 100 – 165 n.Chr.):
(christlicher Philosoph in Rom, Italien)

“2. Gleichwie Gott damals um jener siebentausend Mann willen seinen Zorn zurückhielt, ebenso ließ beziehungsweise läßt er auch jetzt noch nicht sein Gericht kommen, da er weiß, daß es noch täglich solche gibt, die Jünger seines Christus werden und den Weg des Irrtums verlassen, welche auch, erleuchtet durch den Namen dieses Christus, je nach dem Maße ihrer Würdigkeit Gaben empfangen, indem der eine den Geist des Verstandes, ein anderer den des Rates, dieser den Geist der Stärke, jener den der Heilung, der eine den Geist der Prophetie, der andere den der Belehrung, wieder ein anderer den der Furcht Gottes erhält” [vgl. Jes 11,2 , 1. Kor 12,7-10 ] (…) Es wurde doch prophezeit, daß  Christus nach seiner Himmelfahrt uns vom Irrtum befreie, gefangen nehme und uns Geschenke gebe. Es heißt [Ps 68,19 , vgl. Eph 4,8 ]: ,Er fuhr auf in die Höhe, nahm gefangen die Gefangenschaft, gab Geschenke den Menschen.’ 5. Da wir nun von Christus, der in die Höhe aufgefahren ist, Geschenke erhalten haben, beweisen wir euch, die ihr ,bei euch selbst weise und vor euren eigenen Augen verständig’  [Jes 5,21 ] seid, aus den prophetischen Worten, daß ihr töricht seid und Gott und seinen Christus nur ,mit den Lippen ehrt’ [Jes 29,13 ]; wir dagegen, die wir die Weisheit aus der Quelle der vollen Wahrheit geschöpft haben, ehren dieselben in der Tat, in der Erkenntnis und von Herzen bis zu unserem Tode.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Justin der Märtyrer: Dialog mit dem Juden Trypho, Abs.39,1+4)

“Bei uns gibt es nämlich noch bis auf den heutigen Tag prophetische Charismen. Daraus solltet auch ihr ersehen, daß sie von eurem Volke [der Jude], wo sie ehedem waren, auf uns übertragen wurden.”

(aus “Bibliothek der Kirchenväter”, Justin der Märtyrer: Dialog mit dem Juden Trypho, Abs.82,1)

“5. Die Geistesgaben ruhten nun, das heißt sie hörten auf, sobald jener [Jesus Christus] kam, nach welchem sie infolge dieses unter den Seinigen in der Zeit verwirklichten Heilsplanes bei euch [Juden] aufhören mußten, um in ihm ruhend gemäß der Prophezeiung zu Geschenken zu werden, welche er an jeden Christgläubigen, den er für würdig hält, erteilt durch die Güte jenes mächtigen Geistes. 6. Daß es nun prophezeit worden war, er werde nach seiner Himmelfahrt so handeln, habe ich bereits gesagt, und ich wiederhole es. Der Logos sagte [Ps 68,19 , vgl. Eph 4,8 ]: ‚Er stieg in die Höhe, nahm gefangen die Gefangenschaft, gab Geschenke den Söhnen der Menschen.’ Und in einer anderen Prophezeiung heißt  es [Joel 3,1-2 [simple_tooltip content=‘Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure