Einer meiner Lieblingskirchenlehrer, der wunderbare Franz von Sales, Bischof von Genf (1567-1622), schreibt folgendes über die (wahre) Liebe:

Manche Liebe erscheint in den Augen der Menschen groß und herrlich, die in den Augen Gottes nichtig und wertlos ist, und zwar deshalb, weil solche Freundschaften nicht auf der echten Liebe, auf Gott, gegründet sind (Joh 4,8f.), sondern auf gewissen natürlichen Bindungen und Neigungen beruhen oder auf Eigenschaften, die den Menschen lobenswert und angenehm erscheinen. Dagegen gibt es wieder Freundschaften, die bei Weltmenschen für gering und gehaltlos gelten, vor Gott aber gehaltvoll und wertvoll sind, weil Gott ihr Inhalt und Ziel ist und kein persönliches Interesse dabei im Plan ist. Jede Liebestat gegen Menschen, die man so uneigennützig liebt, ist unendlich wertvoller, da ja alles allein nur für Gott getan wird. Beruht aber die Liebe auf einer natürlichen Zuneigung, so sind alle Dienstleistungen und Aufmerksamkeiten viel weniger wert, weil sie uns Freude und Befriedigung bereiten und daher mehr aus diesem Antrieb denn aus wahrer Liebe zu Gott erwiesen werden. Die rein natürlichen Freundschaften haben auch deshalb geringeren Wert, weil sie nicht von Dauer sind. Aus nichtssagenden Gründen angeknüpft, lockern sie sich, sobald es eine Probe zu bestehen gilt, und gehen in die Brüche. Eine Freundschaft aber, die aus Liebe zu Gott gepflegt wird, bewährt sich, weil eben Gott ihr festes und unveränderliches Fundament ist. […] Selbst Freundschaften und Zeichen der Liebe, die wir gegen alle Lust für Menschen aufbringen, die uns unsympathisch sind, haben mehr Wert und gefallen Gott besser als alles, was wir aus sinnlicher Zuneigung tun. Ein solches Verhalten ist nicht doppelzüngig und nicht unwahr, denn nur die niedere Seele fühlt das Widerstreben, und diese Akte der Liebe werden von der Seele auf Grund der Vernunft, ihrer vornehmsten Kraft, gesetzt. Wenn also der Mensch, mit dem ich recht herzlich bin, z. B. wüsste, dass ich mit ihm so bin, weil er mir unsympathisch ist, so bräuchte er das nicht übel zu nehmen, er möge es vielmehr schätzen und Beweisen natürlicher Zuneigung vorziehen. (aus „Die Liebe zu den Geschöpfen – Geistliche Gespräche.“, Band 2, Eichstätt 2002, S. 116f., zitiert aus Evangelium Tag für Tag)

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