Heute traue ich mich mal an ein ganz diffiziles Thema heran. Es geht nicht einfach nur um das Thema Ablass und Fegefeuer (was bereits schwierig genug wäre), sondern um den Kern des Unterschieds der katholischen und evangelischen Theologie!

Ich will damit keine neuen Gräben aufreißen, ganz im Gegenteil. Ich will für Verständnis für die – aus Sicht der evangelischen Christen „unbiblischen“ – katholischen Lehren werben.

Eigentlich hatte ich nur geplant, die Aussagen eines „bibeltreuen“ Pastors aus Sicht eines Katholiken zu kommentieren, aber da die besagte Predigt praktisch grundlegend das Wesen des katholischen Glauben gegen den evangelischen der Reformation stellt geht es tatsächlich um’s „Eingemachte“.

Ich werde es dennoch wagen – so fair und ausgewogen wie mir möglich -, die folgende Predigt, die auf Youtube veröffentlicht wurde chronologisch zu kommentieren und hoffentlich etwas Licht in die Unterschiede der Theologie der beiden Konfessionen zu bringen und natürlich auch den katholischen Glauben gegen die (teilweise sehr harten und polemischen) Vorwürfe zu verteidigen. Denn wenn ich das nicht wollte und könnte, müsste ich als Katholik ja zum reformatorischen Glauben konvertieren 😉

Predigt „Warum gibt es kein Fegefeuer?“ vom 19.04.2019 des Pastors Pastor J. Tscharntke der evangelischen Freikirche Riedlingen über die angeblichen Irrlehren der katholischen Kirche

Ich will mal die erste Behauptung übergehen, die der besagte Pastor am Anfang seiner Predigt macht (im Video ab ca. Min. 4), nämlich dass die Anzahl der Autos an einem Karfreitag auf dem Parkplatz der Kirche der Piusbrüder im Vergleich zu einem Sonntag eine Aussagekraft hätte bzgl. der Frage wie wichtig die Katholische Kirche den Karfreitag zum Gedenken der Erlösertat Jesu nimmt (offenbar hat er noch nie eine Karfreitagsliturgie in einer katholischen Kirche miterlebt).

Stattdessen hätte die Katholische Kirche das „erfundene“ Fronleichnamsfest als wichtigeres kirchliches Fest eingeführt (eine Behauptung ohne jegliche Begründung und als Vergleich auch nicht tauglich, da Fronleichnam sich ja auf kein biblisches Ereignis bezieht, sondern eine Anbetungsform ist).

Schon fast ungeheuerlich ist dann noch die Behauptung, dass angeblich die katholische Kirche in Österreich den Karfreitag als Feiertag abgeschafft hätte (was natürlich Unsinn ist, was sich leicht im Internet recherchieren lässt, siehe z.B. einen Artikel dazu im Spiegel vom 27.09.2019).

Lieber gehe ich auf das Thema Luther und seine 95 Thesen ein (im Video ab ca. Min 7) . Hier wird behauptet, dass die katholische Kirche lehrt, dass jeder Christ (nachdem er bereits Jesus als seinen Herrn und Erlöser angenommen hat) noch ins Fegefeuer müsse, um „die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, um in die Freude des Himmels eingehen zu können“. Damit würde die Heilstat Jesu am Kreuz geschmälert, weil diese ja offensichtlich nicht ausreichen würde, damit ein Christ in den Himmel kommen könne.

Jesus habe bereits die Schuld getilgt, aber lt. katholischer Lehre müsse die Strafe dennoch vom Gläubigen getragen werden. Denn Jesus hätte angeblich nur die ewigen Sündenstrafen hinweg genommen, aber nicht die zeitlichen.

Das Problem oder Missverständnis bei diesen Aussagen ist nun, dass erstens die katholische Kirche nicht lehrt, dass JEDER Christ nach dem Tod automatisch noch ins Fegefeuer muss (wenn auch wohl der größte Teil) und zweitens man unterscheiden muss, welche Sünden in der Taufe aufgrund des Opfer Jesu vergeben und getilgt werden und was mit den Sünden passiert, die man NACH der Taufe begeht.

Denn natürlich lehrt auch die Katholische Kirche, dass durch die Erlösertat Jesus die vollständige Schuld vergeben wird. Dies vollzieht sich aber nicht rein gedanklich nur durch den Glauben an Jesus, sondern ganz praktisch bei der Taufe, die den Täufling geistlich vollständig reinigt.

Was ist dann aber nach der Taufe? Bleibt man da bzgl. Schuld und Sünde dauerhaft rein? Nein, natürlich nicht! Analog des Bildes von Sünde als Schmutz, kann man sich als Christ jederzeit erneut „verunreinigen“ mit sündhaften Taten, Worten oder Gedanken und bedarf immer wieder einer geistlichen Reinigung. Da die Taufe aber nicht wiederholt werden kann und auch nicht notwendig ist (vgl. Joh 13,10), reicht nach katholischem Verständnis das Bekenntnis der Sünden und die Lossprechung durch einen Priester im Namen Jesu (d.h. die Beichte), um die erneute Schuld vergeben zu bekommen.

Das Besondere bei der Beichte im Vergleich zur Taufe ist jedoch, dass diese (i.d.R.) nicht die Wirksamkeit der vollständigen Reinigung des Beichtenden hat, sondern „lediglich“ die Sünde, die von Gott trennt beseitigt (d.h. die „ewigen Sündenstrafen“) und uns damit mit Gott versöhnt, aber nicht die irdischen Folgen (d.h. die „zeitlichen Sündenstrafen“) automatisch wegnimmt. D.h. abgesehen davon, dass der „Sünder“, das begangene Unrecht in jedem Fall versuchen muss wiedergutzumachen (z.B. bei Diebstahl die Rückgabe des Gestohlenen), ist i.d.R. auch eine sogenannte Buße zur inneren Heilung, Reinigung und Besserung des Beichtenden erforderlich. Denn jede Sünde hat nicht nur äußerliche Auswirkungen (z.B. körperlich oder verbal Verletzungen), sondern richtet bei dem Täter selbst auch einen inneren Schaden an (übrigens auch im Leib Christi, der Kirche allgemein, da wir ja miteinander geistlich verbunden sind).

Jede begangene Sünde vermehrt den Hang zur weiteren Sünden oder vergrößert die Blindheit , was Sünde ist und auch wenn in der Beichte die Schuld vor Gott vergeben wird, bleibt eine innere Wunde durch das Sündigen zurück. Diese kann und soll durch ein sogenanntes Bußwerk, z.B. Gebete, Almosen oder sonstige gute Werke geheilt werden (die Bußstrafe ist ja nicht als Rache Gottes oder des Priesters zu verstehen, sondern als Mittel zur vollständigen geistlichen Heilung).

Diese guten Bußwerke haben jedoch nichts mit der Erlösung oder Vergebung der Schuld durch Gott zu tun (dies geschieht ja aus reiner Gnade), sondern sind notwendig, damit wir von dem inneren Schaden heilen können, d.h. wieder „heilig“ bzw. „heil“ werden. Im katholischen Glauben hat das Wort „heilig“ ja verschiedene Bedeutungen, einerseits bedeutet es „zu Gott gehörend“ – wie jeder Christ zu Gott gehört, als auch „heil“ und „vollkommen sein“, um in die heilige Gegenwart Gottes treten zu können.

Jetzt wird aber in der besagten Predigt gefragt, wo denn das in der Bibel stehe, dass es einen Unterschied zwischen „ewigen“ und „zeitlichen“ Sündenstrafen gibt (vgl. Video ab ca. Min 8). Reiche denn Jesu Erlösungswerk nicht für beides aus?

Erstmal ja, natürlich reicht die Erlösungstat Jesu für die Vergebung der Schuld aus. Aber eben nur da, wo wir diese voll in Anspruch nehmen können und das geht nur einmalig in der Taufe. Danach sollte ein Christ eigentlich überhaupt nicht mehr sündigen:

Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde* ; denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.
*) d.h. sündigt nicht beständig, lebt nicht in Sünde (gr. Gegenwartsform). Ebenso nachher »er kann nicht beständig sündigen«.

1. Johannes 3,9 (SLT)

Das war auch der Grund warum in der Alten Kirche viele Gläubige sich erst möglichst spät, am Besten kurz vor dem Tod taufen lassen wollten. Denn dann meinten sie wäre das Risiko mit einer schweren Sünde zu sterben – die zum Verlust des ewigen Lebens führen würde – geringer.

Aber es gibt auch Beispiele in der Bibel, die deutlich machen, dass Gott zwischen der eigentlichen Schuld bzw. Sünde gegenüber Gott, die uns von ihm auf Ewigkeit trennt („ewige Sündenstrafen“) und der Notwendigkeit bzw. Schuld zur Wiedergutmachung bzw. Genugtuung („zeitliche Sündenstrafen“) unterscheidet:

Im Alten Testament z.B., in Hesekiel 42, 13 wird bereits zwischen dem „Sündopfer“ (persönliche Schuld vor Gott durch die „Beleidigung“ Gottes) und dem „Schuldopfer“ (Wiedergutmachungsopfer) unterschieden:

 Und er sprach zu mir: Die Zellen im Norden und die Zellen im Süden, die entlang dem abgesonderten Platz liegen, das sind die heiligen Zellen, wo die Priester, die dem HERRN nahen, die hochheiligen Gaben essen sollen. Dort sollen sie die hochheiligen Gaben niederlegen, sowohl das Speisopfer als auch das Sündopfer und das Schuldopfer; denn der Ort ist heilig.

Hes 42, 13 (ELB)

Oder im Beispiel von König David, dem Gott zwar die Schuld vergeben hatte, aber ihn dennoch mit (zeitlichen) Strafen belegt, indem er seinen Sohn sterben lässt:

13 Da sagte David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Und Nathan sagte zu David: So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan, du wirst nicht sterben.
14 Nur weil du den Feinden des HERRN durch diese Sache Anlass zur Lästerung gegeben hast, muss auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben.

2. Sam 12,13-14 (ELB)

Ein weiteres Beispiel ist wie Gott dem Volk Israel die Schuld zwar vergibt, aber einem Teil dennoch eine Strafe zur Sühne auferlegt:

19 Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Gnade und so, wie du diesem Volk vergeben hast von Ägypten an bis hierher! 20 Und der HERR sprach: Ich habe vergeben nach deinem Wort. 21 Jedoch, so wahr ich lebe und von der Herrlichkeit des HERRN die ganze Erde erfüllt werden wird: 22 Alle die Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich in Ägypten und in der Wüste getan habe, und mich nun zehnmal geprüft und nicht gehört haben auf meine Stimme, 23 werden das Land nicht sehen, das ich ihren Vätern zugeschworen habe! Alle, die mich verachtet haben, sollen es nicht sehen.

Num 14,19-23 (ElB)

Im Video (ab Min. 9) wird der Katholischen Kirche zudem vorgeworfen, dass sie sich bei der Auslegung der Bibel auf ihre eigene Lehrtradition und z.Z. auf Apokryphen stützt.

Macht das denn die evangelische Kirche mit ihrer speziellen Rechtfertigungslehre oder ihren 3 Soli (sola fide – „allein durch den Glauben“, sola gratia – „allein durch Gnade“ und solus Christus – „allein Christus“) nicht auch?

Und welche Apokryphen sind denn gemeint?
Wer legt denn fest, was zur Bibel gehört und was sogenannte Apokryphen sind?
Und hat nicht Luther selbst z.B. den Jakobusbrief als eine „stroherne Epistel“ abgewertet und wollte ihn ursprünglich gar ganz aus der Bibel entfernen (weil dieser Brief nicht so richtig zu seiner Rechtfertigungslehre mit dem „allein durch den Glauben“ passen wollte)?

Weiter wird in dem Video im Bezug auf die Sündenstrafen gefragt was denn noch bestraft werden müsse, wenn die Schuld durch Jesus am Kreuz doch bereits voll getilgt worden sei.

Ja, Jesus hat am Kreuz die Sünde und alle Sündenstrafen voll getilgt. Und dies können wir in der Taufe (aus reiner Gande) auch voll für uns und unsere Sünden beanspruchen. Aber nach dieser vollständigen geistlichen Reinigung kann es wie gesagt zu weiteren Sünden kommen, die dann eben nicht mehr durch eine Taufe, sondern „nur“ noch durch die Beichte vergeben werden können. Und je nach Art und Schwere der Sünde, muss soweit als möglich Wiedergutmachung geleistet und ggf. auch eine Strafe abgeleistet werden.
Das dies biblisch ist, d.h. bereits in der Urkirche praktiziert wurde, verdeutlicht die folgende Stelle, wo Paulus die christliche Gemeinde bittet, ein „bußfertiges“ Gemeindeglied nach einer gewissen auferlegten Strafe das Vergehen vergeben soll:

5 Wenn euch aber jemand traurig gemacht hat, so hat er nicht mich traurig gemacht, sondern zum Teil – damit ich nicht zu viel sage – euch alle. 6 Dem Betreffenden genügt diese Strafe von den meisten der Gemeinde, 7 so dass ihr im Gegenteil vielmehr vergeben und ermuntern solltet, damit der Betreffende nicht etwa durch allzu große Traurigkeit verschlungen werde. 8 Darum ermahne ich euch, zu beschließen, ihm gegenüber Liebe zu üben. 9 Denn dazu habe ich auch geschrieben, dass ich eure Bewährung kennenlernte, ob ihr in allem gehorsam seid. 10 Wem ihr aber etwas vergebt, dem vergebe auch ich; denn auch ich habe, was ich vergeben habe – wenn ich etwas zu vergeben hatte -, um euretwillen vergeben vor dem Angesicht Christi, 11 damit wir nicht vom Satan übervorteilt werden; denn seine Gedanken sind uns nicht unbekannt.

2. Kor 2,5-11 (ELB)

Der Mensch kann sich zwar nicht selbst erlösen, aber muss an seiner Erlösung mitarbeiten. Alles andere wäre wie schon (der evangelische) Bonhoeffer in seinem Buch „Nachfolge“ geschrieben hat eine „billige Gnade“:

Bonhoeffer beginnt mit einer scharfen Kritik der evangelischen Kirche seiner Zeit. Sie nutze die Rechtfertigungslehre, um „billige Gnade“ anzubieten, konkret: „Predigt der Vergebung ohne Buße, … Taufe ohne Gemeindezucht, … Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, … Absolution ohne persönliche Beichte“.

Wikipedia

Im Video (bei ca. Min 10) wird unterstellt, dass die Lehre von den Sündenstrafen nur dazu diene, die Gläubigen von der katholischen Kirche abhängig zu machen, da nur die Kirche einen Ablass aus dem von ihr verwalteten „Kirchenschatz“ gewähren könne. Und im sogenannten „Heiligen Jahr“ (im Jahr 2000), hätte man angeblich durch Anrufung von Maria anstatt von Jesus eine Ablass gewinnen können.

Die Wahrheit steht im Dokument „Das Geschenk des Ablasses“ der apostolischen Pönitentiarie. Da wird das „Gegrüßet seist du Maria“ (neben dem „Vater Unser“ übrigens) lediglich empfohlen. Der Ablass wird ja nicht von Maria gewährt, sondern von der Kirche aufgrund ihrer „Schlüsselgewalt“, die Jesus damals Petrus verliehen hat:

16 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen. 19 Und ich will dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.

Matthäus 16,18-19 (SLT)

Dann wird sich im Video (bei ca. Min. 11) darüber ausgelassen, dass es zudem jämmerlich wäre, dass der sogenannte vollkommene Ablass lediglich nur für 1 Tag gewährt werden würde. Dabei heißt es in dem oben verlinkten Dokument, dass der „vollkommene Ablaß [..] nur einmal am Tag gewonnen werden“ kann, was etwas völlig anderes ist als das, was der Prediger im Video suggerierte hat. Denn das ist nicht jämmerlich, sondern sollte für einen Normalmenschen ausreichen, wenn er an einem bestimmten Tag einmal einen vollkommen Erlass seiner zeitlichen Sündenstrafen erhält. Denn das ist genau das gleiche, was auch bei der Taufe passiert. Wer (später) weiter sündigt, kann natürlich nicht davon ausgehen, dass diese Sünden automatisch immer wieder vergeben werden. Dazu bedarf es einer erneuten Beichte.

Weiterhin wird im Video (ca. Min. 12) kritisiert, dass nicht Jesus selbst aus dem Schatz der Genugtuung austeilt, sondern die Kirche.

Da frage ich nun zurück: Wer soll den auf Erden handeln, wenn nicht die Kirche als Leib Christi?
Jesus ist ja in den Himmel aufgefahren und hat der Kirche den Auftrag gegeben an seiner Stelle zu handeln (vgl. Joh 20,21-23)

Dann wird auf das sogenannte Messopfer eingegangen und behauptet, dass zusätzlich zudem was Jesus am Kreuz getan hat der Schatz der Messopfer hinzukäme.

Aber das Messopfer beinhaltet doch genau das Opfer Jesu, es ist praktisch das Gleiche!
Und in der katholischen Messe wird auch das Opfer Jesu nicht (unblutig) wiederholt wie behauptet, sondern erneut VERGEGENWÄRTIGT.
Das ist ein großer Unterschied!
Denn das Opfer Jesu ist in der Tat nur einmal vor 2000 Jahren passiert, aber es wird durch die Eucharistiefeier ins Heute zu uns gebracht:

362 Die Eucharistie ist das Gedächtnis des Pascha Christi, die sakramentale Vergegenwärtigung und Darbringung seines einzigen Opfers in der Liturgie seines Leibes, der Kirche. In allen Hochgebeten finden wir nach den Einsetzungworten ein Gebet, das Anamnese oder Gedächtnis genannt wird.
1363 Im Sinn der Heiligen Schrift ist das Gedächtnis nicht nur ein Sich-Erinnern an Ereignisse der Vergangenheit, sondern die Verkündigung der großen Taten, die Gott für die Menschen getan hat‘. In der liturgischen Feier dieser Ereignisse werden sie gegenwärtig und wieder lebendig. Auf diese Weise versteht das Volk Israel seine Befreiung aus Ägypten: Jedesmal, wenn das Pascha gefeiert wird, werden die Ereignisse des Auszugs dem Gedächtnis der Gläubigen wieder gegenwärtig gemacht, damit diese ihr Leben diesen Ereignissen entsprechend gestalten.
1364 Im Neuen Bund erhält das Gedächtnis einen neuen Sinn. Wenn die Kirche Eucharistie feiert, gedenkt sie des Pascha Christi; dieses wird gegenwärtig. Das Opfer, das Christus am Kreuz ein für allemal dargebracht hat, bleibt stets gegenwärtig wirksam [Vgl. Hebr 7,25-27]: „Sooft das Kreuzesopfer, in dem ‚Christus, unser Osterlamm, geopfert wurde‘, auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung“ (LG 3).

Katechismus der KatholischEn Kirche (1997), Das sakramentale Opfer: Danksagung, Gedächtnis, Gegenwart

Weiter wird sich darüber ausgelassen wie denn der Kirchenschatz durch die Verdienste der Heiligen vermehrt werden könne. Wie könne denn ein sogenannter Heilige ein besseres Leben führen als Gott es fordert und damit aus dem Übermaß seiner guten Werke einen Schatz aufbauen?
Wie viel sei denn ein Werk eines Heiligen Wert und wann wäre eigentlich der Kirchenschatz aufgebraucht?
Jeder sündige doch jeden Tag! (vgl. Video ab ca. Min. 13)

Also erstmal kann der Kirchenschatz nicht „aufgebraucht“ werden, weil darin auch (bzw. hauptsächlich) die unendlichen Verdienste Christi beinhaltet sind, die er bei Gott dem Vater durch seinen Opfertod erworben hat (denn unsere Erlösung bedarf eines unendlichen Verdienstes, was ein reiner Mensch bei Gott niemals erwerben kann!).
Zweitens kann ein Mensch tatsächlich durch sein Leiden oder seine guten Werke ein Verdienst bei Gott erwirken (sofern er im Stand der Gnade ist, d.h. keine ungebeichtete „Todsünde“ begangen hat), das wiederum anderen Christen durch den mystischen Leib Christi zugeteilt werden kann:

In der altchristlichen Überlieferung herrscht die Überzeugung, daß man den christlichen Mitbrüdem nicht bloß durch das Bittgebet, sondern auch durch Werke der Frömmigkeit Wohltaten vor allem geistlicher Art von Gott vermitteln kann. Klemens von Rom stellt den Christen von Korinth Esther als Vorbild hin, „die durch ihr Fasten und ihre Demut den allsehenden Herrn bestürmte” (Kor 55, 6). Justin bezeugt die altchristliche Übung, daß die Gläubigen zusammen mit den Katechumenen beteten und fasten, um von Gott die Verzeihung ihrer früheren Sünden zu erlangen (Apol. I 61, 2).

Grundriss der Dogmatik (§ Die Gemeinschaft der auf Erden lebende Gläubige, Abs. „2. Verdienste für andere“ (S. 443)

Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst das wie folgt zusammen:

1474 Der Christ, der sich mit der Gnade Gottes von seiner Sünde zu läutern und sich zu heiligen sucht, steht nicht allein. „Das Leben jedes einzelnen Kindes Gottes ist in Christus und durch Christus mit dem Leben aller anderen christlichen Brüder in der übernatürlichen Einheit des mystischen Leibes Christi wie in einer mystischen Person in wunderbarem Band verbunden“ (Paul VI., Ap. Konst. „Indulgentiarum doctrina“ 5).

1475 In der Gemeinschaft der Heiligen „besteht unter den Gläubigen – seien sie bereits in der himmlischen Heimat oder sühnend im Reinigungsort oder noch auf der irdischen Wanderschaft – in der Tat ein dauerhaftes Band der Liebe und ein überreicher Austausch aller Güter“ (ebd.). In diesem wunderbaren Austausch kommt die Heiligkeit des einen den anderen zugute, und zwar mehr, als die Sünde des einen dem anderen schaden kann. So ermöglicht die Inanspruchnahme der Gemeinschaft der Heiligen dem reuigen Sünder, daß er von den Sündenstrafen früher und wirksamer geläutert wird.

1476 Diese geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen nennen wir auch den Kirchenschatz. „Er ist nicht so etwas wie eine Summe von Gütern nach Art von materiellen Reichtümern, die im Lauf der Jahrhunderte angesammelt wurden. Vielmehr besteht er in dem unendlichen und unerschöpflichen Wert, den bei Gott die Sühneleistungen und Verdienste Christi, unseres Herrn, haben, die dargebracht wurden, damit die gesamte Menschheit von der Sünde frei werde und zur Gemeinschaft mit dem Vater gelange. Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser, selbst, insofern in ihm die Genugtuungen und Verdienste seines Erlösungswerkes Bestand und Geltung haben [Vgl. Hebr 7,23-25; 9,11-28.]“ (ebd.).

KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE (1997), In der Gemeinschaft der Heiligen

Der Pastor behauptet dann (Video ab ca. Min. 15), dass aufgrund von Lk 17,10 („So sprecht auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“), kein Mensch bei Gott irgendwelche Verdienste erhalten könne.
Hier wird die Aussage Jesu komplett missverstanden, weil es an dieser Stelle nur darum geht, dass wir uns unserer Taten bei Gott nicht brüsten können bzw. sollen wie es in der Catena Aurea des Kirchenlehrers Thomas von Aquin anhand von Kirchenväterzitaten erklärt wird:

Der Herr lehrt hier, daß die Macht des Herrn von den Knechten Unterordnung als Pflicht verlangt. Die Krankheit des Hochmuts wird dadurch ausgetrieben. […] So sagt auch Paulus: „Wenn ich das Evangelium verkündige, ist es nicht mein Ruhm, es ist eine Notwendigkeit für mich. Weh mir, wenn ich es nicht verkündige!“ (1 Kor 3,16). (Cyrill)

Brüste dich nicht, wenn du gut erfüllt hast, was du tun solltest. Die Sonne gehorcht, der Mond ebenso, die Engel dienen: Und auch wir wollen nicht uns selbst loben – darum heißt es: „Wenn ihr alles getan habt, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte“. (Ambrosius)

„Knechte“, ja, denn wir sind um einen Preis erkauft; „unnütz“, weil „der Herr unserer Güter nicht bedarf“ (Ps 15,2 Vg), oder weil „die Leiden dieser Zeit in keinem Vergleich stehen zur künftigen Herrlichkeit“ (Röm 8, 18). Dies also ist die Vollkommenheit des Glaubens in einem Menschen, wenn er alles erfüllt hat, was ihm aufgetragen war, und sich danach dennoch als unvollkommen erkennt. (Beda)

Catena Aurea (EVANGELIUM Lk 17,5-10)

Und überhaupt hätte die Katholische Kirche ein „unbiblisches“ Verständnis des Begriffs der „Heiligen“. Denn nach der Bibel sei jeder Christ ein Heiliger (und nicht nur besonders vorbildliche Christen).

Dies ist richtig, zumindest insofern jeder Christ als Heiliger, d.h. zu Gott gehörig, berufen ist. Da die Kirche jedoch schon sehr früh angefangen hat, verstorbene Christen zur Fürsprache bei Gott anzurufen (sie sind ja nach christlichem Glauben nicht wirklich tot und können weiter für uns beten!) und das jedoch nur bei Menschen Sinn macht, die tatsächlich in den Himmel gekommen sind erklärt der Katechismus der Katholischen Kirche:

828 Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heißt feierlich erklärt, daß diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt [Vgl. LG 40; 48-51,]. „In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige“ (CL 16,3), „Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit“ (CL 17,3).

Katechismus der Katholischen Kirche,
Absatz 3 DIE EINE, HEILIGE, KATHOLISCHE UND APOSTOLISCHE KIRCHE

Nun wird im Video (ab ca. Min. 17) behauptet, dass die Katholische Kirche mit diesen „Irrlehren“ Jesu Erlösungswerk beiseite und stattdessen Maria und die Heiligen und den Papst als „heilsvermittelnde Instanz“ in die Mitte stellt. Denn gemäß 1. Tim 2,5 („Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, […]“) gäbe es nur einen Mittler Jesus Christus.

Da frage ich mich, ob manche Protestanten hier nicht den Unterschied verstehen können oder wollen zwischen einerseits Jesus Christus, dem einzigen Weg zu Gott (Joh 14,6), der für unsere Sünden gestorben ist und andererseits der Gemeinschaft der Heiligen, dem Leib Christi, in der sich die einzelnen Glieder gegenseitige durch Gebet und Fürsprache helfen können.

Und natürlich ist auch der Papst kein „Mittler“ zwischen Gott und den Menschen in dem Sinne, dass er im eigenen Namen den Menschen Erlösung anbieten könne. Aber Jesus hat nun mal den Aposteln und im Besonderen Petrus besondere Vollmachten verliehen, u.a. im Namen Jesu Sünden zu vergeben (siehe Joh 20,19-23). Und das ist etwas ganz anderes als „Mittler“ zu sein im Sinne von Jesus Christus, dem Erlöser.

Und so meint der Pastor im Video (ab ca. Min. 18), dass die Katholische Kirche Folgendes behaupten würde: „Mag einer noch so viele Almosen geben, ja sein Blut im Namen Christi vergießen so kann er doch nicht gerettet werden, wenn er nicht im Schoß und in der Einheit der Kirche bleibt“.

Hier wird deutlich, dass die reformierten und die katholischen Christen offenbar eine ganz unterschiedliche Vorstellung von Kirche haben. Für Katholiken ist es klar (sollte es zumindest sein), dass man durch die Taufe zum Leib Christi, der Kirche hinzugefügt wird. Die Kirche ist somit nicht nur ein Verwaltungsapparat, der Mitgliederlisten führt, sondern (auch) ein geistliches Gebilde mit Jesus als seinem Haupt. Trotz aller Fehler und Schwächen ist es Gottes Willen, dass wir in diesem Leib bleiben und uns auch in diese menschliche Struktur eingliedern und uns den Leitern unterordnen (wollen):

1 Die Ältesten unter euch nun ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden des Christus und auch Teilhaber der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: 2 Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, Gott gemäß, auch nicht aus schändlicher Gewinnsucht, sondern bereitwillig, 3 nicht als die, die über ihren Bereich herrschen, sondern indem ihr Vorbilder der Herde werdet! 4 Und wenn der Oberhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr den unverwelklichen Siegeskranz der Herrlichkeit empfangen. 5 Ebenso ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander! Denn „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade“.

1. Petr 5,1-5 (ELB)

Und wer sich nun von der Kirche lossagt, die Jesus selbst gegründet hat, dessen Heil ist in der Tat gefährdet. Unsinn ist aber, dass die Kirche lehren würde, dass ein Märtyrer um Christi willen nicht gerettet werden würde, wenn er nicht katholisch wäre. Ein christlicher Märtyrer ist nach katholischer Lehre auf jeden Fall im Himmel.

Was bleibt ist die Frage, was die Katholische Kirche wirklich lehrt bzgl. der Heilsnotwendigkeit der Kirchenmitgliedschaft. Das kann man z.B. im „Brief des Heiligen Offiziums vom 8. August 1949 an den Erzbischof von Boston über die Notwendigkeit der Kirche zum Heil.“ (siehe kathpedia über „Extra ecclesiam nulla salus“) nachlesen.

Ab ca. Min. 19 im Video behauptet der Pastor nun sogar, die Katholische Kirche wäre die „größte Sekte der Welt“, denn sie würde die folgenden beiden klassischen Kennzeichen einer Sekte erfüllen:

  1. Irrlehre bzgl. des Zentrums des Glaubens (d.h. bzgl. der Rechtfertigungslehre)
  2. Alleinseligkeitsanspruch („nur wer zu uns gehört, kann das Heil finden“)

Und gegen solche Irrlehren hätten sich die Reformatoren mit aller Schärfe gewandt.

In der Apologia Confessio Augustana sprechen sie vom „große[n] Betrug vom Ablass“ womit „ein Teil der Pein werde vergeben und erlassen durch die Schlüssel, für einen Teil aber müsse man genugtun mit Werken.“ und schlussfolgern „Dieses alles sind eitel erträumte, erdichtete Lehren und Worte, ohne allen Grund der Schrift und wider alle Schriften der alten Väter.“ und fordern „Gott wolle schänden und strafen solche verzweifelte Sophisten, die so verräterisch und böslich das heilige Evangelium auf ihre Träume deuten!“ und fragen „Wer hat die groben unverschämten Esel solche Dialektika gelehrt?“.

Weiterhin schreiben sie: „Da erdichten sie ihnen selbst einen Traum, als vermöge oder könne ein Mensch also Gottes Gesetz erfüllen, daß er etwas mehr und übriges tue, denn das Gesetz erfordert, so doch die ganze Heilige Schrift zeugt, alle Propheten auch zeugen, daß Gottes Gesetz viel Höheres fordere, denn wir immer zu tun vermögen.“ und „Darum ist’s bei Verständigen ganz närrisch und kindisch anzusehen, daß sie erdichten wir können noch etwas mehr tun, denn das göttliche Gesetz erfordert.“

Dagegen möchte ich einfach nur nochmal die Erklärung zum Ablass aus dem Katechismus der Katholischen Kirche anführen:

Was ist der Ablaß?
„Der Ablaß ist Erlaß einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungen durch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt und zuwendet.“
„Der Ablaß ist Teilablaß oder vollkommener Ablaß, je nachdem er von der zeitlichen Sündenstrafe teilweise oder ganz freimacht.“ Ablässe können den Lebenden und den Verstorbenen zugewendet werden (Paul VI., Ap. Konst. „Indulgentiarum doctrina“ normæ 1-3).

Die Sündenstrafen
1472 Um diese Lehre und Praxis der Kirche zu verstehen, müssen wir wissen, daß die Sünde eine doppelte Folge hat. Die schwere Sünde beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig. Diese Beraubung heißt „die ewige Sündenstrafe“. Andererseits zieht jede Sünde, selbst eine geringfügige, eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf, sei es hier auf Erden, sei es nach dem Tod im sogenannten Purgatorium [Läuterungszustand]. Diese Läuterung befreit von dem, was man „zeitliche Sündenstrafe“ nennt. Diese beiden Strafen dürfen nicht als eine Art Rache verstanden werden, die Gott von außen her ausüben würde, sondern als etwas, das sich aus der Natur der Sünde ergibt. Eine Bekehrung, die aus glühender Liebe hervorgeht, kann zur völligen Läuterung des Sünders führen, so daß keine Sündenstrafe mehr zu verbüßen bleibt [Vgl. K. v. Trient: DS 1712-1713; 1820].
1473 Die Sündenvergebung und die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott bringen den Erlaß der ewigen Sündenstrafen mit sich. Zeitliche Sündenstrafen verbleiben jedoch. Der Christ soll sich bemühen, diese zeitlichen Sündenstrafen als eine Gnade anzunehmen, indem er Leiden und Prüfungen jeder Art geduldig erträgt und, wenn die Stunde da ist, den Tod ergeben auf sich nimmt. Auch soll er bestrebt sein, durch Werke der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe sowie durch Gebet und verschiedene Bußübungen den „alten Menschen“ gänzlich abzulegen und den „neuen Menschen“ anzuziehen [Vgl. Eph 4,24].

Katechismus der Katholischen Kirche (1997), X Die Ablässe

Der Pastor meint anschließend (im Video ab ca. Min. 22), dass die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre nur Lug und Trug und quasi Verrat an der reformatorischen Lehre wäre. Was genau an dieser Erklärung aus seiner Sicht nicht mit seinem Verständnis der reformatorischen Rechtfertigungslehre zusammenpasst, erläutert er leider nicht.
Stattdessen erklärt er (ab ca. Min. 24 im Video), warum Protestanten ihrer evangelischen Kirche treu bleiben sollten, nämlich wegen der 3 Soli:

  1. „nur die Bibel allein sagt wie wir gerettet werden“
  2. „allein durch die Gnade Christi“
  3. „allein durch den Glauben an Jesus“

Bei der Katholischen Kirche würde die Überlieferung praktisch neben und über der Heiligen Schrift stehen. Und aus dieser Überlieferung wäre die Heiligenverehrung, der Marienkult und das „Ablassunwesen“ abgeleitet worden. Aus der Bibel ließen sie sich jedenfalls nicht begründen.

Mal abgesehen davon, dass es zu Luthers Zeiten – auch von der katholischen Kirche unbestritten – einen Missbrauch mit dem Ablass gab (d.h. dass damit teilweise wirtschaftliche Interessen verbunden waren), der dann auch abgestellt wurde, müssen sich aber auch die Reformatoren die Fragen gefallen lassen wie sie darauf kommen, dass die Bibel allein Grundlage des christlichen Glaubens sein kann. Denn zumindest die ersten, frühen Christen hatten ja noch nicht einmal die ganze Bibel vorliegen. Das Neue Testament war gerade erst am Entstehen und der Bibelkanon, also die Festlegung welche der vielen christlichen Schriften zur Heiligen Schrift gehören sollen, wurde praktisch erst im 4. Jh. n. Chr. auf der Synode von Karthago festgelegt (siehe Wikipedia).

D.h. dass die ersten Christen überhaupt keine Bibel wie wir sie kennen zur Verfügung hatten und die christliche Lehre, genauso wie die jüdische übrigens, erstmal vor allem mündlich und durch eine Vielzahl von Schriften, die später gar nicht alle zur Bibel gezählt wurden weitergegeben wurde. Ausschlaggebend für die richtige Lehre war die Lehre der Apostel bzw. deren Nachfolger, der Bischöfe. Das Alte Testament legten die Juden z.B. ja auch in vielen Bereichen anders aus als die Christen. D.h. es gab und konnte auch keine solche Überzeugung geben, dass die „Bibel ALLEIN“ für den christlichen Glauben maßgeblich sei.

Natürlich durfte auch damals schon, die christliche Lehre den damals verfügbaren Heiligen Schriften nicht widersprechen (vgl. auch Apg 17,11), aber wie die Bibel auf Christus hin zu verstehen sei, bestimmten maßgeblich die Bischöfe, bzw. die Konzilien, und nicht jeder einzelne Christ für sich alleine so wie es Luther später tat.

Zurück zum Video (ab ca. Min. 26): der Pastor meint da Luther habe damals beim Reichstag zu Worms als er seiner Lehre widerrufen solle vor dem Kaiser und den kirchlichen Abgesandten gesagt, dass er jederzeit widerrufen würde, wenn er aus der Schrift, und nichts als der Schrift überführt werden könnte.

Das Problem dabei war aber meines Erachtens, dass die katholische Seite sehr wohl auch auf Basis der Bibel argumentierte, aber Luther die Bibel eben anders verstand. Und das sehen wir ja auch heute noch bei den vielen verschiedenen protestantischen Gemeinden, dass sie sich in vielen Lehrfragen widersprechen. Und das obwohl alle „allein“ auf Basis der Bibel argumentieren, aber eben mit einer gewissen theologischen Vorprägung. Denn ganz ohne diese lässt sich die Bibel auch nicht wirklich (einigermaßen vollständig) verstehen. Denn die Bibel ist ja das Ergebnis des Glaubens der Menschen und nicht dessen Anfang oder Ursprung.

Die Bibel fiel ja nicht vom Himmel, woraufhin die Menschen dann erst zum Glauben gekommen wären. Es war umgekehrt. Die Menschen glaubten und schrieben die Bibel (bzw. deren viele verschiedenen Schriften) unter Einwirkung des Heiligen Geistes.
Das Problem war damals wie heute, dass sich zwar beide Seiten auf die Bibel beriefen, aber das Verständnis der Bibel bzw. deren Auslegung unterschiedlich war.

Die Matholische Kirche glaubt und lehrt genauso wie die Reformatoren, dass der Mensch nur durch Jesus Christus gerettet werden kann, aus reiner Gnade. Aber sie lehrt auch, dass der Mensch an seiner Erlösung mitwirken soll und muss und dass der Glaube ohne Werke tot ist (vgl. Jak 2, 14-26).

Ab ca. Min. 27 erzählt der Pastor wie Luther damals sich mit der Frage quälte wie er denn einen gnädigen Gott bekommen könne. Bei aller Anstrengung als Mönch musste er feststellen, dass er immer ein Sünder blieb. Luther wollte gerecht sein. Aber er glaubte, dass er das nie schaffen würde. Deshalb hasste er auch Gottes Gericht. Beim Lesen des Römerbriefes erkannte Luther, dass Gottes Gerechtigkeit allein durch Jesus Christus erbracht werden würde, in der Taufe bereits zugesagt sei und im Glauben nur angenommen werden müsse.

Ich persönlich kann mir schon vorstellen, dass es zu Luthers Zeiten sehr streng im katholischen Glauben zuging, vor allem für Ordensleute. Aber Luthers Erkenntnis ist m.E. nichts Neues, es war und ist ganz normale katholische Lehre. Und es beschleicht mich das Gefühl, dass aufgrund eines Mönches, der die Gnade Gottes nicht (wirklich) verstand, die Christenheit massiv gespalten wurde. Sicherlich war es nicht allein seine Schuld, sondern zumindest teilweise auch der damaligen katholischen Kirche, aber dass man heute immer noch im Glauben getrennt sein muss, ist sehr traurig und alles andere, was Gott gefällt.

Ab Min. 31 im Video spricht dann der Pastor von der Heilsgewissheit. Er meint, dass das Heil ganz von Gott abhinge. Denn wenn wir Menschen auch nur ein winziges bisschen zum Heil beizutragen hätten, könnten wir unseres Heiles niemals sicher sein. Deshalb gäbe es in keiner anderen Religion Heilsgewissheit – auch nicht bei den Zeugen Jehovas oder der Katholischen Kirche -, weil sie alle auf die Werke des Menschen bauen und neben Jesus immer noch Menschen brauchen. Denn wer die Heilsgewissheit leugne, der lehre nicht mehr die reine Rechtfertigungslehre.

Nur wo steht in der Bibel, dass der Glaube ALLEIN rettet? Das Wörtchen „allein“ hat Luther in seiner Bibelübersetzung bei Röm 3,28 einfach hinzugefügt: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Lutherübersetzung 2017). In der sehr wörtlichen Elberfelder Übersetzung steht es korrekt, nämlich ohne dem Wort „allein“: „Denn wir urteilen, dass der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke.“
Natürlich sind wir durch Glauben gerettet, aber eben nicht ohne unsere Mitwirkung! (zum Thema Heilsgewissheit siehe auch Erläuterung zur evangelikalen Kritik an der Katholischen Kirche)

Zum Schluss (ab ca. Min. 34 im Video) wird die Offenbarung zitiert, wo Jesus spricht:

Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir.

Off 3,20 (ELB)

Und der Pastor ruft diejenigen, die noch keine Christen sind auf, Jesus (die Tür) aufzumachen. Man müsse nicht erst bei sich selbst aufräumen, das würde schon Jesus machen. Denn man würde ohne Verdienst gerecht gemacht.

Das Problem hierbei ist nur, dass sich die Sendschreiben Jesu in Off 3 an Menschen richtete, die bereits Christen waren, aber nicht entschieden genug im Glauben lebten:

Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest!

Off 3,15 (ELB)

D.h. Jesus wirft ihnen vor, dass ihre (guten) WERKE (bzw. ihr Lebenswandel oder auch Gesinnung) für (einen Christen) nicht ausreichen würden. Ganz im Gegenteil zum Verständnis des Pastors über die Rechtfertigungslehre. Jesus drohte diesen Christen sogar an, dass sie das ewige Leben wieder verlieren würden, wenn sie sich nicht ändern würden:

„Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

off 3,16 (ELB)

Menschen hingegen, die noch gar keine Christen sind, müssen entgegen der Aussage des Pastors, natürlich schon erstmal bei sich „aufräumen“, d.h. ihre Sünden bekennen (Wiedergutmachung leisten sofern möglich), und dann sich taufen lassen so wie es Petrus in der Apostelgeschichte auch gepredigt hat:

Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.

Apg 2,38 (ELB)

Was sollen wir nun davon halten? Hat der Pastor wirklich recht, dass die Katholische Kirche die größte Sekte der Welt sei und Irrlehren verbreitet?
Oder kann sich dieser Pastor vielleicht doch geirrt haben?

Zum Schluss betont der Pastor nochmals, dass aufgrund der Tatsache, dass Jesus am Kreuz bereits alles vollbracht habe kein Fegefeuer benötigt werden würde und dass es das auch nicht gäbe.

Wirklich? Wie kann er sich so sicher sein?
Ist er unfehlbar im Verständnis der Heiligen Schrift und der Lehre Christi?
Und wie sind dann folgenden Aussagen Jesu und des Apostels Paulus zu verstehen?

54 Er [Jesus] sprach aber auch zu den Volksmengen: Wenn ihr eine Wolke von Westen aufsteigen seht, so sagt ihr sogleich: Ein Regenguss kommt. Und es geschieht so. 55 Und wenn ihr den Südwind wehen seht, so sagt ihr: Es wird Hitze geben. Und es geschieht. 56 Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu beurteilen. Wie aber kommt es, dass ihr diese Zeit nicht zu beurteilen wisst? 57 Warum richtet ihr aber auch von euch selbst aus nicht, was recht ist? 58 Denn wenn du mit deinem Gegner vor die Obrigkeit gehst, so gib dir auf dem Weg Mühe, von ihm loszukommen, damit er dich nicht etwa zu dem Richter hinschleppe; und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener überliefern und der Gerichtsdiener dich ins Gefängnis werfen. 59 Ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast.

Lukas 12,54-59 (ELB)

10 Nach der Gnade Gottes, die mir [Paulus] gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. 11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. 12 Wenn aber jemand auf den Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh baut, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klarmachen, weil er in Feuer offenbart wird. Und wie das Werk eines jeden beschaffen ist, das wird das Feuer erweisen. 14 Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen; 15 wenn jemandes Werk verbrennen wird, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer.

1.Korinther 3,15 (ELB)

Quellennachweise/Literaturhinweise:

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