Heute traue ich mich mal an ein ganz diffiziles Thema heran. Es geht nicht einfach nur um das Thema Ablass und Fegefeuer (was bereits schwierig genug wäre), sondern um den Kern des Unterschieds der katholischen und evangelischen Theologie!

Ich will damit keine neuen Gräben aufreißen, ganz im Gegenteil. Ich will für Verständnis für die – aus Sicht der evangelischen Christen „unbiblischen“ – katholischen Lehren werben.

Eigentlich hatte ich nur geplant, die Aussagen eines „bibeltreuen“ Pastors aus Sicht eines Katholiken zu kommentieren, aber da die besagte Predigt praktisch grundlegend das Wesen des katholischen Glauben gegen den evangelischen der Reformation stellt geht es tatsächlich um’s „Eingemachte“.

Ich werde es dennoch wagen – so fair und ausgewogen wie mir möglich -, die folgende Predigt, die auf Youtube veröffentlicht wurde chronologisch zu kommentieren und hoffentlich etwas Licht in die Unterschiede der Theologie der beiden Konfessionen zu bringen und natürlich auch den katholischen Glauben gegen die (teilweise sehr harten und polemischen) Vorwürfe zu verteidigen. Denn wenn ich das nicht wollte und könnte, müsste ich als Katholik ja zum reformatorischen Glauben konvertieren 😉

Predigt „Warum gibt es kein Fegefeuer?“ vom 19.04.2019 des Pastors Pastor J. Tscharntke der evangelischen Freikirche Riedlingen über die angeblichen Irrlehren der katholischen Kirche

Ich will mal die erste Behauptung übergehen, die der besagte Pastor am Anfang seiner Predigt macht (im Video ab ca. Min. 4), nämlich dass die Anzahl der Autos an einem Karfreitag auf dem Parkplatz der Kirche der Piusbrüder im Vergleich zu einem Sonntag eine Aussagekraft hätte bzgl. der Frage wie wichtig die Katholische Kirche den Karfreitag zum Gedenken der Erlösertat Jesu nimmt (offenbar hat er noch nie eine Karfreitagsliturgie in einer katholischen Kirche miterlebt).

Stattdessen hätte die Katholische Kirche das „erfundene“ Fronleichnamsfest als wichtigeres kirchliches Fest eingeführt (eine Behauptung ohne jegliche Begründung und als Vergleich auch nicht tauglich, da Fronleichnam sich ja auf kein biblisches Ereignis bezieht, sondern eine Anbetungsform ist).

Schon fast ungeheuerlich ist dann noch die Behauptung, dass angeblich die katholische Kirche in Österreich den Karfreitag als Feiertag abgeschafft hätte (was natürlich Unsinn ist, was sich leicht im Internet recherchieren lässt, siehe z.B. einen Artikel dazu im Spiegel vom 27.09.2019).

Lieber gehe ich auf das Thema Luther und seine 95 Thesen ein (im Video ab ca. Min 7) . Hier wird behauptet, dass die katholische Kirche lehrt, dass jeder Christ (nachdem er bereits Jesus als seinen Herrn und Erlöser angenommen hat) noch ins Fegefeuer müsse, um „die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, um in die Freude des Himmels eingehen zu können“. Damit würde die Heilstat Jesu am Kreuz geschmälert, weil diese ja offensichtlich nicht ausreichen würde, damit ein Christ in den Himmel kommen könne.

Jesus habe bereits die Schuld getilgt, aber lt. katholischer Lehre müsse die Strafe dennoch vom Gläubigen getragen werden. Denn Jesus hätte angeblich nur die ewigen Sündenstrafen hinweg genommen, aber nicht die zeitlichen.

Das Problem oder Missverständnis bei diesen Aussagen ist nun, dass erstens die katholische Kirche nicht lehrt, dass JEDER Christ nach dem Tod automatisch noch ins Fegefeuer muss (wenn auch wohl der größte Teil) und zweitens man unterscheiden muss, welche Sünden in der Taufe aufgrund des Opfer Jesu vergeben und getilgt werden und was mit den Sünden passiert, die man NACH der Taufe begeht.

Denn natürlich lehrt auch die Katholische Kirche, dass durch die Erlösertat Jesus die vollständige Schuld vergeben wird. Dies vollzieht sich aber nicht rein gedanklich nur durch den Glauben an Jesus, sondern ganz praktisch bei der Taufe, die den Täufling geistlich vollständig reinigt.

Was ist dann aber nach der Taufe? Bleibt man da bzgl. Schuld und Sünde dauerhaft rein? Nein, natürlich nicht! Analog des Bildes von Sünde als Schmutz, kann man sich als Christ jederzeit erneut „verunreinigen“ mit sündhaften Taten, Worten oder Gedanken und bedarf immer wieder einer geistlichen Reinigung. Da die Taufe aber nicht wiederholt werden kann und auch nicht notwendig ist (vgl. Joh 13,10), reicht nach katholischem Verständnis das Bekenntnis der Sünden und die Lossprechung durch einen Priester im Namen Jesu (d.h. die Beichte), um die erneute Schuld vergeben zu bekommen.

Das Besondere bei der Beichte im Vergleich zur Taufe ist jedoch, dass diese (i.d.R.) nicht die Wirksamkeit der vollständigen Reinigung des Beichtenden hat, sondern „lediglich“ die Sünde, die von Gott trennt beseitigt (d.h. die „ewigen Sündenstrafen“) und uns damit mit Gott versöhnt, aber nicht die irdischen Folgen (d.h. die „zeitlichen Sündenstrafen“) automatisch wegnimmt. D.h. abgesehen davon, dass der „Sünder“, das begangene Unrecht in jedem Fall versuchen muss wiedergutzumachen (z.B. bei Diebstahl die Rückgabe des Gestohlenen), ist i.d.R. auch eine sogenannte Buße zur inneren Heilung, Reinigung und Besserung des Beichtenden erforderlich. Denn jede Sünde hat nicht nur äußerliche Auswirkungen (z.B. körperlich oder verbal Verletzungen), sondern richtet bei dem Täter selbst auch einen inneren Schaden an (übrigens auch im Leib Christi, der Kirche allgemein, da wir ja miteinander geistlich verbunden sind).

Jede begangene Sünde vermehrt den Hang zur weiteren Sünden oder vergrößert die Blindheit , was Sünde ist und auch wenn in der Beichte die Schuld vor Gott vergeben wird, bleibt eine innere Wunde durch das Sündigen zurück. Diese kann und soll durch ein sogenanntes Bußwerk, z.B. Gebete, Almosen oder sonstige gute Werke geheilt werden (die Bußstrafe ist ja nicht als Rache Gottes oder des Priesters zu verstehen, sondern als Mittel zur vollständigen geistlichen Heilung).

Diese guten Bußwerke haben jedoch nichts mit der Erlösung oder Vergebung der Schuld durch Gott zu tun (dies geschieht ja aus reiner Gnade), sondern sind notwendig, damit wir von dem inneren Schaden heilen können, d.h. wieder „heilig“ bzw. „heil“ werden. Im katholischen Glauben hat das Wort „heilig“ ja verschiedene Bedeutungen, einerseits bedeutet es „zu Gott gehörend“ – wie jeder Christ zu Gott gehört, als auch „heil“ und „vollkommen sein“, um in die heilige Gegenwart Gottes treten zu können.

Jetzt wird aber in der besagten Predigt gefragt, wo denn das in der Bibel stehe, dass es einen Unterschied zwischen „ewigen“ und „zeitlichen“ Sündenstrafen gibt (vgl. Video ab ca. Min 8). Reiche denn Jesu Erlösungswerk nicht für beides aus?

Erstmal ja, natürlich reicht die Erlösungstat Jesu für die Vergebung der Schuld aus. Aber eben nur da, wo wir diese voll in Anspruch nehmen können und das geht nur einmalig in der Taufe. Danach sollte ein Christ eigentlich überhaupt nicht mehr sündigen:

Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde* ; denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.
*) d.h. sündigt nicht beständig, lebt nicht in Sünde (gr. Gegenwartsform). Ebenso nachher »er kann nicht beständig sündigen«.

1. Johannes 3,9 (SLT)

Das war auch der Grund warum in der Alten Kirche viele Gläubige sich erst möglichst spät, am Besten kurz vor dem Tod taufen lassen wollten. Denn dann meinten sie wäre das Risiko mit einer schweren Sünde zu sterben – die zum Verlust des ewigen Lebens führen würde – geringer.

Aber es gibt auch Beispiele in der Bibel, die deutlich machen, dass Gott zwischen der eigentlichen Schuld bzw. Sünde gegenüber Gott, die uns von ihm auf Ewigkeit trennt („ewige Sündenstrafen“) und der Notwendigkeit bzw. Schuld zur Wiedergutmachung bzw. Genugtuung („zeitliche Sündenstrafen“) unterscheidet:

Im Alten Testament z.B., in Hesekiel 42, 13 wird bereits zwischen dem „Sündopfer“ (persönliche Schuld vor Gott durch die „Beleidigung“ Gottes) und dem „Schuldopfer“ (Wiedergutmachungsopfer) unterschieden:

 Und er sprach zu mir: Die Zellen im Norden und die Zellen im Süden, die entlang dem abgesonderten Platz liegen, das sind die heiligen Zellen, wo die Priester, die dem HERRN nahen, die hochheiligen Gaben essen sollen. Dort sollen sie die hochheiligen Gaben niederlegen, sowohl das Speisopfer als auch das Sündopfer und das Schuldopfer; denn der Ort ist heilig.

Hes 42, 13 (ELB)

Oder im Beispiel von König David, dem Gott zwar die Schuld vergeben hatte, aber ihn dennoch mit (zeitlichen) Strafen belegt, indem er seinen Sohn sterben lässt:

13 Da sagte David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Und Nathan sagte zu David: So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan, du wirst nicht sterben.
14 Nur weil du den Feinden des HERRN durch diese Sache Anlass zur Lästerung gegeben hast, muss auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben.

2. Sam 12,13-14 (ELB)

Ein weiteres Beispiel ist wie Gott dem Volk Israel die Schuld zwar vergibt, aber einem Teil dennoch eine Strafe zur Sühne auferlegt:

19 Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Gnade und so, wie du diesem Volk vergeben hast von Ägypten an bis hierher! 20 Und der HERR sprach: Ich habe vergeben nach deinem Wort. 21 Jedoch, so wahr ich lebe und von der Herrlichkeit des HERRN die ganze Erde erfüllt werden wird: 22 Alle die Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich in Ägypten und in der Wüste getan habe, und mich nun zehnmal geprüft und nicht gehört haben auf meine Stimme, 23 werden das Land nicht sehen, das ich ihren Vätern zugeschworen habe! Alle, die mich verachtet haben, sollen es nicht sehen.

Num 14,19-23 (ElB)
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