Auf katholisch.de wurde vor kurzem (wieder mal) ein Artikel über das Buch „Von wegen Heilige Nacht!: Der große Faktencheck zur Weihnachtsgeschichte“ der beiden Theologen Claudia und Simone Paganini veröffentlicht, das die historische Glaubwürdigkeit der Weihnachtsgeschichte (Lk 2,1–20) in großen Teilen anzweifelt, siehe Warum die Weihnachtsgeschichte trotz Ungenauigkeiten kein Märchen ist.

Wenn jedoch schon die grundlegende Erzählung über die Geburt Jesu historische Unwahrheiten beinhaltet, kann man dann der Bibel überhaupt vertrauen? Aus diesem Grund ist es wichtig, genau zu prüfen, ob die biblischen Verfasser glaubwürdig sind und sorgfältig über tatsächliche Begebenheiten berichten oder eben wie oft behauptet, die Geschichten so „zurechtrücken“, damit irgendwelche theologischen Aussagen gemacht werden können.

Deshalb möchte ich die im besagten Artikel angeführten Behauptungen kurz genauer betrachten.

Jesus „musste“ in Betlehem geboren werden

Diese Behauptung besagt praktisch, dass Jesus gar nicht wirklich in Betlehem geboren wurden (sondern in Nazareth), die Weihnachtsgeschichte aber so hingedreht wurde, damit Jesus von den Menschen damals als Messias anerkannt werden konnte (vgl. die Prophetie über den Messias in Mi 5,3).

Was sind die Argumente dafür?

Eigentlich nur, dass Maria und Josef in Nazareth lebten und man nicht glauben möchte, dass es tatsächlich eine Volkzählung gab, für die die beiden in den Geburtsort von Josef reisen mussten.

Und der „historische Nachweis“ für die Behauptung, dass das gar nicht stimmen könne, war die Annahme, dass es sich bei dieser Volkszählung um diejenige des Quirinius (dem damaligen Statthalter für Syrien) handeln müsse, die jedoch (lt. des jüdischen Historikers Josephus) frühestens 6 n.Chr., also viel zu spät stattgefunden hatte, um zur Weihnachtsgeschichte zu passen (die Geburt Jesu wird allgemein auf 6 v. Chr datiert, da König Herodes bereits 4 v. Chr starb, siehe z.B. die Weihnachtsgeschichte in Wikipedia).

Ignoriert wird hierbei, dass es natürlich noch eine weitere (lokale) Volkszählung (zur Steuerschätzung) vor derjenigen um 6 n.Chr. gegeben haben könnte. So ist es gut möglich, dass Quirinius, der lt. A New Catholic Commentary on Holy Scripture (gemäß einer Inschrift) bereits schonmal zwischen 4-1 v.Chr. Legat von Syrien war und einen besonderen Auftrag zur Durchführung einer Steuerschätzung in Palästina um 10-8 v.Chr. hatte und diese an Sentius Saturninus, dem Legaten von Syrien von 8-6 v.Chr. übertrug. Damit wäre es möglich, wenn auch nicht bewiesen, dass der Evangelist Lukas tatsächlich wahrheitsgemäß und historisch korrekt berichtet hat, dass Maria und Josef von Nazareth nach Betlehem reisen mussten.

Auf jeden Fall wäre es sehr unwahrscheinlich, wenn Lukas ganz offensichtlich „Märchen“ erzählen würde, die damals sehr einfach als unwahr hätte erkannt werden können. Denn ob es damals eine Steuerschätzung mit Volkszählung gab oder nicht, wäre ja für alle der dort lebenden Menschen ja bekannt gewesen. Zumindest Celsus, der bekannte Kritiker des Christentums aus dem 2. Jh.n.Chr., erwähnt davon rein gar nichts.

Jesus als wahrer Friedensbringer

Die Autoren von „Von wegen Heilige Nacht!“ behaupten zudem, dass das Ziel des Lukasevangeliums nicht darin läge, die Geburt Jesu möglichst exakt zu datieren, sondern schlicht zeigen zu wollen, „in welche Welt der Heiland hineingeboren wurde: in eine, in der Rom das Sagen hat, genauer gesagt Kaiser Augustus.“

Interessant, was die besagten Theologen so alles über die wahre Motivation von Lukas wissen! Dabei ignorieren sie völlig was Lukas selbst ganz am Anfang seines Evangeliums darüber schreibt:

Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben.
Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.

Lukas 1,1-4 (EÜ)

Was wird wohl eher stimmen?

Aber es kommt noch schlimmer, die Jungfrauengeburt wird als historische (Glaubens-) Tatsache ganz (als quasi „Übersetzungsfehler“) offen geleugnet und einfach behauptet: „Durch diese Spannung [des Paradoxons von einer Jungfrau, die ein Kind zur Welt bringt] habe man das Geheimnis von der Göttlichkeit Jesu zum Ausdruck bringen können (…).“

Natürlich wird man keine historischen oder gar biologischen Beweise für die Geburt Jesu von einer Jungfrau finden können. Aber dass Maria Jesus vom bzw. durch den Heiligen Geist empfangen hat ist eben katholischer Glaube, der in der Bibel klar bezeugt wird. Wer das nicht glauben will, darf sich dann eben auch nicht mehr als (römisch-)katholischer Theologe verstehen bzw. bezeichnen.

Fakten angesichts der Botschaft zweitrangig

Weiter wird behauptet, dass es den Autoren der Evangelien nicht primär um historische Fakten ginge, sondern um die „versteckten Glaubenswahrheiten“, die zwischen den Zeilen aufleuchten würden.

Tja, was die Theologen von heute so alles wissen. Mehr offenbar als die Evangelisten selbst. Und im direkten Widerspruch zu den expliziten Aussagen des Lukas zumindest! Schade, dass katholisch.de solchen Theologen (ohne Gegendarstellung) eine Plattform bietet.

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