Unser Leben ist voll von Konflikten. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir uns nicht gegenseitig verletzen oder enttäuschen. Auch als Christen.
Was soll ich also tun, wenn mir jemand Unrecht getan hat? Die Sache einfach wortlos erdulden, den anderen „zur Schnecke machen“, mein Recht einklagen?

Jesus lehrt uns in Mt 18,15-20 wie wir mit einem Sünder umgehen sollen. Und dabei legt er den Fokus mehr auf die liebevolle Hilfe zur Umkehr für den Sünder als auf die Erlangung von Recht und Genugtuung für den Geschädigten. Zumindest verstanden das so die Kirchenväter wie die folgende Zitate aus der Catena Aurea zeigen.

Unser Herr mahnt uns, nicht gegenseitig über unsere Sünden hinwegzusehen. Er verlangt aber nicht, daß du nach etwas suchst, was du tadeln kannst, sondern daß du siehst, was du verbessern kannst. Wir sollen nämlich in Liebe zurechtweisen, und nicht weil wir begierig sind, dem anderen zu schaden, sondern weil wir ihn besser machen wollen. (Augustinus)

Man muß nämlich wissen, daß ihr, wenn euer Bruder gegen euch sündigt oder aus irgendeinem Grund verletzt, die Vollmacht habt zu vergeben, ja, ihr habt sogar die Pflicht. (Hieronymus)

Wenn also jemand gegen uns sündigt (…) weise ihn zurecht, wenn du mit ihm allein bist, sei bemüht, ihn zu bessern und nimm dabei Rücksicht auf sein Schamgefühl. Denn [sonst] beginnt er vielleicht vor lauter Scham, seine Sünde zu verteidigen, und du machst den, den du besser machen willst, schlechter. (Augustinus, De Verbo Dom.)

Der Apostel sagt: „Den Sünder klage vor allen an, damit auch die übrigen Furcht haben“ (1 Tit 5,20): Wisse also, daß ein Bruder manchmal unter vier Augen zurechtzuweisen ist, manchmal aber vor allen. Doch was soll man zuerst tun? (…) [Es heißt:] Du weißt, daß er gesündigt hat, da es im Verborgenen war, als er gegen dich gesündigt hat. Also sollst Du auch im Verborgenen verbessern, was er gesündigt hat. Denn wenn du allein weißt, daß er gegen dich gesündigt hat, und ihn in aller Öffentlichkeit anklagen willst, dann verbesserst du ihn nicht, sondern verrätst ihn. (…) Diejenigen Sünden sind also öffentlich zu tadeln, die auch öffentlich begangen wurden, im Verborgenen dagegen diejenigen, die im Verborgenen begangen wurden. (…) Und aus welchem Grund verbesserst du deinen Nächsten? Weil dir die Sünde, die er gegen dich beging, wehtut? Das soll nicht sein! Wenn du es nur aus Liebe zu dir selbst tust, tust du nichts [Gutes]; handelst du aber aus Liebe zu ihm, dann tust du sehr gut. Der Text selbst sagt schließlich, aus Liebe zu wem du dies tun sollst: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen“. Tu es also seinetwegen, damit du ihn zurückgewinnst. Erkenne ferner [in dem Text]: du verlierst das Heil auch schon, wenn du [nur] gegen einen Menschen sündigst – denn wenn du es nicht verloren hättest, wie konnte dein Bruder dich zurückgewinnen? Niemandem soll also gleichgültig sein, wenn er sich an seinen Bruder versündigt. (Augustinus)

Das belegt auch, daß Feindschaft ein Schaden für beide Seiten ist. Darum heißt es ja nicht, daß jener sich selbst gewonnen hat, sondern daß du ihn gewonnen hast. Das zeigt, daß aus der Zwietracht für dich und für ihn ein Schaden entstanden ist. (Chrysostomus, In Matth.)

Durch das Heil des anderen, werden wir selbst heil. (Hieronymus)

Was du tun sollst, wenn er sich nicht überzeugen läßt, folgt: „nimm einen oder zwei Männer mit“! Je unverschämter und hartnäckiger er ist, umso mehr müssen wir uns bemühen, ihm die Medizin zu verabreichen, anstatt Zorn und Haß [gegen ihn] zu hegen. Denn wenn ein Arzt sieht, daß die Krankheit nicht nachläßt, dann gibt er nicht auf, sondern er bemüht sich umso mehr, sie zu heilen. Beachte, daß der Tadel nicht aus Rache geschieht, sondern um den anderen zu bessern. Darum soll man auch nicht gleich zwei [Zeugen] hinzunehmen, sondern erst, wenn er sich nicht verbessern lassen will; und man soll auch nicht mit einer ganzen Menge daherkommen, sondern mit einem oder zwei. Dazu zitiert er das Gesetz, „denn jede Sache muß durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden“ – er will sagen: Du sollst ein Zeugnis haben, daß du alles getan hast, was in deiner Macht stand. (Chrysostomus)

Und darum werden wir, wenn wir beten, nicht erhört: weil wir auf Erden nicht in allem übereinstimmen, weder in den Glaubenslehren noch im Umgang [miteinander]. Denn so wie in der Musik der Zuhörer keine Freude hat, wenn die Stimmen nicht harmonisch zueinander klingen, so ist es auch in der Kirche: wenn es keinen Konsens gibt, hat Gott keine Freude an ihr und hört auch nicht auf sie. (Origenes)

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