Nach dem Kapitel “Die Verfolgungen unter den Kaisern Hadrian und Antonius” folgt heute das achte Kapitel aus dem Abschnitt „Die Kirche und die römische Staatsgewalt“ aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Smyrna war eine Stadt in Kleinasien. Der Bischof von Smyrna war Polykarp, ein Schüler des heiligen Apostels Johannes. Während nun Polykarp einmal des Nachts betete, sah er sein Kopfkissen brennen. In Wirklichkeit war es nicht so, das Kopfkissen lag noch unversehrt unter seinem Haupt; aber leerer Schaum und Traum war das Gesicht doch nicht gewesen. Etwas fing wahrhaftig zu brennen an und dieser Brand war tausendmal schlimmer als ein brennendes Kopfkissen.

Bei dem Martyrium einiger Christen von Smyrna hatten nämlich die Heiden einen rasenden Tumult vollführt und gerufen: „Auf, holen wir Polykarp!“ Als Polykarp von dieser Hetze gegen ihn erfuhr, beschloß er seelenruhig, sich nicht vom Platze zu rühren und zu bleiben, wo er war. Seine Umgebung drängte jedoch so zäh zur Flucht, daß er schließlich nachgab und sich auf ein Landgut zurückzog. Aber die Häscher waren ihm auf den Fersen und so entwich er auf ein anderes Landgut. Er war allerdings nicht im Zweifel darüber, daß seine Tage gezählt seien; immer wieder mußte er an das brennende Kissen denken. Wirklich — da waren schon die Häscher. Bevor sie in das Haus eindrangen, hätte der Bischof wohl noch flüchten können; aber mit den Worten „Dein Wille geschehe“ ging er den Verfolgern so liebenswürdig und freundlich entgegen, daß sie stutzten. Die ihn nicht schon vorher gekannt hatten, glaubten zuerst, eine wunderbare Erscheinung zu sehen und erstaunt über das würdige, gelassene Benehmen des greisen Bischofes fragten sie sich, warum man sich so große Mühe mache, um einen solchen Mann gefangen zu nehmen. Sie schämten sich geradezu, als er ihnen sofort den Tisch decken ließ, sie bewirtete, und sie ihn dann beten hörten. Doch sie mußten ihn nach Smyrna bringen.

Sie setzten ihn also auf einen Esel und machten sich auf den Weg zur Stadt. Der Polizeipräsident von Smyrna und dessen Vater kamen ihnen entgegen gefahren und nahmen den Bischof in ihren Wagen. Es sei doch nichts Schlimmes dabei, redeten sie ihm zu, „Herr Kaiser“ zu sagen, zu opfern und sich damit das Leben zu retten. Als aber alles Zureden nichts nützte und er ihnen nicht den Willen tat, wurden sie ärgerlich und stießen ihn mit solcher Gewalt vom Wagen, daß er sich das Schienbein verletzte. Ohne darauf zu achten und als ob nichts geschehen wäre, ging Polykarp wohlgemut und so gut er konnte weiter. In Smyrna wurde er in die Rennbahn geführt. Dort fragte ihn der Prokonsul, ob er Polykarp sei. — Polykarp bejahte es.

Nun hieß es: „Nimm Rücksicht auf dein hohes Alter! Schwöre beim Glück des Kaisers, ändere deine Gesinnung! Sprich: Fort mit den Gottlosen! Schwöre und ich werde dich freilassen! — Lästere deinen Christus!“

Darauf Polykarp: „Schon 86 Jahre diene ich Christus und er hat mir kein Leid getan. Wie kann ich meinen König, der mich erlöst hat, lästern! Vernimm das offene Bekenntnis: Ich bin Christ.“

Nach einigem Hin und Her erklärte der Prokonsul: „Es stehen mir wilde Tiere zur Verfügung; ihnen werde ich dich vorwerfen lassen, wenn du nicht nachgibst.“ — Polykarp: „Laß sie kommen!“

„Wenn du dir aus den wilden Tieren nichts machst und hartnäckig bleibst, lasse ich dich vom Feuer verzehren.“

Polykarp dagegen: „Du drohst mir mit deinem Feuer, das nur einige Zeit brennt und bald wieder erlischt. Du kennst nicht das Feuer des kommenden Gerichtes und der ewigen Strafe, das den Gottlosen bestimmt ist. Doch warum zögerst du? Hole herbei, was du willst!“ Und dabei strahlte sein Angesicht von Anmut, heißt es im Bericht.

Darauf befahl der Prokonsul einem Herold, dreimal durch die Rennbahn zu rufen: „Polykarp hat sich als Christ bekannt.“

Jetzt begann die Masse zu toben und zu schreien und verlangte von dem Direktor der öffentlichen Spiele, er solle auf Polykarp einen Löwen loslassen. Der Direktor aber erklärte, das sei ihm nicht gestattet, weil das Tierhetzen bereits beendet sei. Da beschlossen sie, so fährt unser Bericht fort, einstimmig zu rufen, Polykarp solle lebendig verbrannt werden.

Gesagt, getan. Eilig holte die Menge aus den Werkstätten und Bädern Holz und Reisig zusammen, wobei die Juden ihrer Gewohnheit gemäß bereitwillig die größten Dienste leisteten. Als der Holzstoß errichtet war, legte Polykarp selbst seine Oberkleidung ab und löste seinen Gürtel. Sodann suchte er auch seine Schuhe auszuziehen. Sonst brauchte er dies nicht zu tun, da stets alle Gläubigen gewetteifert hatten, zuerst ihn berühren zu dürfen; denn schon vor seinem Märtyrium wurde er wegen seines tugendhaften Wandels auf jede Art und Weise ausgezeichnet. Das für den Scheiterhaufen beigeschleppte Holz wurde sofort um ihn herumgelegt. Als man ihn auch annageln wollte, erklärte er: „Lasset mich so! Denn der, welcher mich für das Feuer bestimmt hat, wird mir auch die Gnade geben, ohne daß idch angenagelt und derart gesichert bin, unbeweglich auf dem Scheiterhaufen stehen zu bleiben.“ Sie nagelten ihn daher nicht an; doch banden sie ihn fest. Er aber, die Hände auf dem Rücken und festgemacht, wie der Bericht sagt, gleich einem herrlichen Opfertier, das aus einer großen Herde zu einem für den allmächtigen Gott angenehmen Opfer auserlesen Wurde, sprach folgendes Gebet: „O Vater deines geliebten und gepriesenen Sohnes Jesus Christus, der es uns vermittelt hat, daß wir dich kennen. o Gott der Engel und Mächte und aller Schöpfung und des ganzen Geschlechts der Gerechten, die dich vor Augen haben, ich preise dich, daß du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, so daß ich unter der Schar der Märtyrer am Kelche deines Christus teilnehme, um mit Seele und Leib in der Unvergänglichkeit des Geistes zu ewigem Leben neu aufzuerstehen. Möchte ich unter die Zahl der Märtyrer heute vor dir aufgenommen werden als reiches, wohlgefälliges Opfer; denn du, untrüglicher, wahrhaftiger Gott, du hast dieses Opfer vorher verkündet und erfüllt, du hast es zubereitet. Deshalb bringe ich dir für alles Lob, Dank und Preis durch den ewigen Hohenpriester Jesus Christus, deinen geliebten Sohn, durch welchen dir mit ihm im Heiligen Geist die Ehre sei jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.“

„Nachdem Polykarp“ — wir folgen immer noch dem Bericht — „das Amen ausgesprochen und sein Gebet beendet hatte, zündete man das Feuer an. Als die Flamme mächtig emporloderte und sich gleich einem vom Wind geschwellten Segel wölbte, umgab es rings den Leib des Märtyrers wie eine schützende Mauer. Sein Fleisch verbrannte nicht darin, sondern es war wie Gold und Silber in einem Schmelzofen. Auch empfanden wir einen Wohlgeruch wie von duftendem Weihrauch oder anderen kostbaren Gewürzen. Als schließlich die Gottlosen merkten, daß sein Leib nicht vom Feuer verzehrt werden könne, befahlen sie dem Henker, der den verwundeten Menschen und Tieren den Todesstoß zu geben hatte, er solle zu Polykarp hingehen und ihm das Schwert in die Brust stoßen. Er tat dies, und es ergoß sich eine solche Menge Blutes aus der Wunde, daß davon das Feuer ausgelöscht wurde. Die ganze Menschenmenge wunderte sich über den großen Unterschied zwischen den Ungläubigen und den Auserwählten. „

Auf Drängen der Juden sollte der Prokonsul den Leichnam Polykarps ja nicht herausgeben, damit nicht die Christen, wie die Juden sagten, den Gekreuzigten verlassen und anfangen würden, den Polykarp anzubeten. „Sie sahen nicht ein“, so heißt es in unserem Bericht, „daß wir Christus, der für das Heil aller, die auf Erden erlöst werden, gelitten hat, daß wir Christus nicht verlassen und einen andern anbeten können. Christus beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist, den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn würdige Verehrung wegen ihrer unübertrefflichen Liebe zu ihrem König und Lehrer.“

Das ist die Geschichte von dem Martyrium des heiligen Polykarp, zuverlässig aufgeschrieben im Jahre 156 n. Chr. und überaus wichtig für die Gesamtgeschichte der Verfolgungszeit. Sie zeigt uns, welch große Rolle die heidnischen Volksmassen bei den Verfolgungen der Christen spielten. Sie unterrichtet uns darüber, daß die Christen sich nicht leichtfertig fangen ließen und blindlings den Häschern in die Hände liefen, sondern ihnen ausweichen, sich verstecken und sich den Ihrigen zu erhalten suchen durften. Sie wirft ein Licht auf den Haß, womit auch jetzt noch die Juden den Christen nachstellten. Von höchstem Wert aber ist sie deswegen, weil sie uns sagt, wie Christen in ihren letzten qualvollen Augenblicken dachten und beteten. Damit weist sie den Unterschied zwischen Ungläubigen und Auserwählten und das tiefste Wesen des Martyriums auf. Es liegt in der Lehre, für welche Christen lebten und starben und dann in der Liebe, womit sie es taten. „Ein Christ“, sagt Origenes, „gibt für seinen Glauben eher das Leben als ein Heide für alle Götter ein Stück seines Mantels“ (C. Cels. 7, 39).

Fortsetzung folgt mit dem Kap. „Heidnisches Gesetz und christliche Kraft im zweiten Jahrhundert„.

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