Nach dem Kapitel “Die Verfolgungen unter den Kaisern Marc Aurel und Commodus” folgt heute das zehnte Kapitel aus dem Abschnitt „Die Kirche und die römische Staatsgewalt“ aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Das war ein Kampf! Auf der einen Seite die Bestien der Arena, der um die zuckenden Glieder aufzüngelnde Feuerbrand, Folter, Kreuz und all die Quälereien, die wie eine schmutzige Gosse aus der Hölle zu kommen schienen — auf der anderen Seite die unerschütterliche Kraft, womit die Christen gegen eine ganze Welt standen, hilflos und doch von einer Hilfe gestützt, an der jeder Sturm, wenn auch mit rasendem Wüten, zerbrach  Menschen, mit dem Fuß noch auf der dunklen Erde, mit dem Herzen schon im ersten Lichtglanz der Ewigkeit. Vollständig und getreu wird aber das Kampfbild erst, wenn wir das Ringen hineinzeichnen, womit der Geist den Schild vor den gepeinigten Leib zu halten versuchte, die Bemühungen, womit auch die christliche Wissenschaft dem Heidentum entgegentrat. Der rohen Gewalt gegenüber hatten sie im Augenblick keinen besonderen Erfolg; dennoch bestimmten sie weithin den Lauf der Kirchengeschichte. Über ihren nächsten Zweck, die Abkehr des Heidentums, hinaus, dienten sie ja dazu, die Welt immer mehr zur Erkenntnis Gottes zu führen und die von Gott geschenkten und in der Kirche aufbewahrten Offenbarungen immer tiefer zu durchdringen.

Es waren nicht bloß die blutigen Verfolgungen, die Bischöfe und christliche Gelehrte auf die bedrohten Wälle riefen, es waren auch geistige Angriffe, und zwar sowohl von außen her, von seiten der heidnischen Gelehrten, wie von innen her, von aufkeimenden Irrlehren. Wohl befaßte sich die gebildete Schicht der Heidenwelt nicht mit dem Christentum; sie hatte von dem Christentum nur die wenigen, fragenhaften Vorstellungen, wie sie die große Masse hatte. Immerhin schrieben im Lauf des zweiten Jahrhunderts bereits einige gebildete Heiden Bücher gegen die Christen und es fehlte auch nicht an Schriften, die sich um wirkliche Läuterung der heidnischen Gedankenwelt und ebenso der heidnischen Lebensführung bemühten. ohne sich hierbei immer in Angriff gegen die Christen zu stellen. Die Kampfesweise war bald ernst, bald läppisch und dann ohne jede Vorstellung von dem wahren Wesen des Christentums. Das Christentum war in den Augen der Heiden entweder bloß Schwärmerei, Aberglaube und Gaukelei, oder es war ein Gemisch von jüdischem Wahn, neu erdachten Irrtümern und einigen der griechischen Weltweisheit entlehnten guten Sittenvorschriften.

Die leidenschaftlichste und bedeutendste dieser heidnischen Kampfschriften kam in den Jahren 177—180 aus der Feder eines gewissen Celsus; sie fand erst im Jahre 248 eine glänzende und gediegene Widerlegung durch den christlichen Gelehrten Origenes von Alexandrien. Aber schon durch das ganze zweite Jahrhundert hindurch sprangen, wie schon erwähnt, bald hier, bald dort christliche Geistesmänner mit ihren Schutzschriften vor die Front und hielten den Heiden bis hinauf zum Raiser vor wie unsinnig ihre Anklagen und wie ungerecht ihr Vorgehen gegen die Christen sei. Statt ihrer Namen, die ja im Gedächtnis doch nicht haften bleiben, seien die Hauptsätze verzeichnet, die sie den Heiden entgegenstellten und bewiesen.

Wenn ein Christ ein Verbrechen beging, so forderten sie, dann solle man ihn strafen; aber nur dann und nicht schon um seines Namens willen. Auch wenn die Christen dem Kaiser nicht opferten wie einem Gott, so seien sie doch keineswegs dem Kaiser gefährlich; im Gegenteil, zu jedem anderen Opfer bereit und treu, treuer als so viele Heiden, die heute den Kaiser als Gott verehren und morgen ihn aufrührerisch vom Thron stürzen. Kein Verbrechen könne man den Christen nachweisen, nur Tugenden bewundern und wie unschuldig sie seien, gehe schon daraus hervor, daß man andere Leute foltere, damit sie gestehen sollten, die Christen aber foltere man, damit sie ableugnen sollten. Man werfe den Christen Gottlosigkeit vor; gottlos sei niemals, wer sich weigere, von Menschenhand gemachte Götzenbilder zu verehren, dafür aber den einen wahren Gott an. bete. Man werfe ihnen Unsittlichkeit vor und sie lebten doch so keusch, daß sie sogar Theater, rauschende Feste, alles was nur eine Gefahr bedeuten könnte, ängstlich meiden und viele ein ganz jungfräuliches Leben führen. Vollends unsinnig sei die scheußliche Verleumdung, die Christen schlachteten Kinder, die Christen, die so wenig von Blut wissen wollen, daß sie keinem blutigen Gladiatorenspiel zuschauen und bei der Hinrichtung der Verbrecher sich zurückziehen und in ihrer Sorge für den Nächsten lieber selber sterben, als andere töten wollen. Und ebenso verkehrt sei es, den Christen die Schuld an Unglücksfällen zuzuschreiben.  Unglücksfälle habe es schon immer gegeben, vor Christus vielleicht noch mehr; denn jetzt werde weniger gesündigt und jetzt habe man mehr Fürsprecher bei Gott.

Gegen was alles die Christen sich wehren mußten! Ihre Abwehr war zugleich Angriff. Sie deckten auf, wie blind und rückständig die Juden waren, die aus ihren Propheten doch leicht zu erkennen vermöchten, wer Christus ist; wie nichtig und töricht doch die ganze Götzendienerei war und wie schlimm die Sünden und Laster im Heidentum geworden seien und bei einem solchen Aberglauben und bei solchen Göttern werden mußten. Dieser Finsternis stellten sie dann das Licht gegenüber, das himmlische Licht, das von Christus in die Welt strahlt, das Licht der Apostel und Märtyrer, das Licht der christlichen Lehren und Einrichtungen und nicht zulegt das helle Licht des gesamten christlichen Lebens.

Neben die zwei Feinde, Judentum und Heidentum, die von außen her gegen „die himmlische Pflanzung“, wie der christliche Schriftsteller Laktantius die Kirche nannte, anstürmten, trat im Laufe des zweiten Jahrhunderts ein neuer Feind, und zwar von innen her: der Irrlehrer. Nicht immer gleich so gehässig und roh wie die Juden und Heiden, vielleicht auch nicht immer auf den ersten Blick so deutlich als Feind erkennbar, da durch aber nicht weniger gefährlich, eher noch gefährlicher.

Mit Irrlehren muß das Reich Gottes immer rechnen. Der Völkerapostel sagt im ersten Korintherbrief: „Es müssen auch Irrlehren unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden“ (11, 19). Paulus wußte es vom Herrn; der Herr selbst hatte es ja als eine Grundlinie im Bild der wachsenden Kirche festgelegt, daß Unkraut unter dem Weizen steht bis zum Erntetag. So wenig der Acker deshalb aufhört, der Acker seines Herrn zu sein, ebensowenig hört das Reich Gottes deswegen auf, das Reich Gottes zu sein. Die Knechte im Gleichnis des Evangeliums hatten den Acker ihres Herrn darum nicht weniger lieb, waren jetzt eher noch sorgsamer und treuer auf ihn bedacht. So ist auch dem katholischen Christen seine Kirche  nur noch teurer, wenn er sie in Gefahr sieht. Aber er wird sich doch fragen und mit Recht fragen dürfen, wie es zu einer Irrlehre kommt; ja, die Einsicht in das Wesen der Irrlehren ist ein unentbehrlicher Schlüssel zum Verständnis der Kirchengeschichte aller Zeiten.

Eine Irrlehre entsteht in der Weise, daß der Mensch sich in der Erfassung oder dem Verständnis der göttlichen Offenbarung irrt und dann diesen Irrtum festhält, weiterträgt und so sich selbst an die Stelle des von Christus eingesetzten und vom Heiligen Geist geleiteten Lehramtes setzt. Der Irrtum selbst entsteht vielfach so, daß der Mensch von den geoffenbarten Wahrheiten die eine oder die andere in den Vordergrund stellt, nur mehr gerade diese sieht und andere darüber vergißt oder gar leugnet und damit das Bild der göttlichen Offenbarung verzerrt und verstümmelt. Darauf deutet auch die griechische, häufig gebrauchte Bezeichnung für Irrlehre, das Wort „Häresie“; ins Deutsche übersetzt heißt es „Auswahl“. Zum Irrlehrer wird der irrende Mensch, wenn er seinen Irrtum nicht an der Lehre der Kirche berichtigt, sondern seine eigene, persönliche Meinung über die Entscheidung des kirchlichen Lehramtes stellt. Der Irrtum ist ein Mangel menschlicher Erkenntnis; die Irrlehre in dem Sinne, wie dieses Wort in der Kirchengeschichte gebraucht wird, ist im Grund eine sündhafte Überhebung des menschlichen Geistes.

Im Lauf des zweiten Jahrhunderts tauchten nun hauptsächlich zwei Irrlehren auf. Die eine, ihr griechischer Name lautet Gnostizismus, selber  wieder in sich vielfach gespalten, behauptete, es gäbe eine vom Glauben verschiedene, nur wenigen zugängliche religiöse Erkenntnis, und so wie es einen ewigen guten Gott gäbe, gäbe es auch ein selbständiges, ebenso ewiges Böse. Die andere große Irrlehre des zweiten Jahrhunderts heißt Montanismus; sie war eine Schwärmerei, nach der die Christen unter Anleitung einiger, besonderer Offenbarungen sich rühmender Personen in ganz verstiegener Strenge leben und sich an einem Ort Kleinasiens versammeln sollten, um die bestimmt vorausgesagte Ankunft des Jüngsten Gerichtes und des himmlischen Jerusalems zu erwarten.

So werden wir schon in der Geschichte des zweiten Jahrhunderts mit jener Sorge des Reiches Gottes bekannt, die eine der allerschwersten und vordringlichsten ist, mit der Sorge um die Bewahrung der Gläubigen vor Irrlehren und um die Zurückführung der ausgebrochenen Schafe in die Hürde des Herrn. Dieser Sorge wurde nun die Kirche auch im Lauf der folgenden Jahrhunderte, bis zum heutigen Tag, niemals ledig. Aber diese Sorge ist ihr höchster Ruhm; denn Gott ist die Wahrheit und die Kinder Gottes müssen darauf schwören und darin leben und darin sterben können: „ Wir sind im wahren Christentum.“

Fortsetzung folgt.

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