Die folgenden Gedanken beziehen sich auf zwei biblische Texte, die in der Liturgie gemeinsam gelesen werden:
die Erzählung vom Tod Abschaloms im Zweiten Buch Samuel (2 Sam 18–19) und Psalm 86.

Beide Texte sprechen auf unterschiedliche Weise von Gott – und gerade zusammen helfen sie, seine Barmherzigkeit besser zu verstehen.


David und sein Sohn Abschalom

Abschalom, der Sohn Davids, erhebt sich gegen seinen Vater. Es kommt zum Bürgerkrieg. Am Ende wird Abschalom getötet. Politisch und militärisch ist der Konflikt entschieden.

Als David die Nachricht erhält, fragt er nicht nach dem Sieg, nicht nach Ordnung oder Sicherheit. Er fragt nur:

„Geht es dem Jungen, Abschalom, gut?“
(2 Sam 18,32)

Das ist kein Satz eines Königs.
Es ist die Frage eines Vaters.

Als David erfährt, dass Abschalom tot ist, heißt es:

„Da zuckte der König zusammen, stieg in den oberen Raum des Tores hinauf und weinte.
Und er rief: ›Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom!
Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben!‹“

(2 Sam 19,1)

Diese Reaktion ist schwer auszuhalten. Abschalom war schuldig. Er hatte seinen Vater verraten und das Reich ins Chaos gestürzt. Und doch überlagert bei David nicht das Urteil, sondern die Beziehung. Er sieht nicht zuerst den Schuldigen, sondern den Sohn.


Gott bleibt nicht auf Abstand

Davids Ausruf – „Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben“ – ist ein Wunsch, den er selbst nicht erfüllen kann. Er kann ihn empfinden, aber nicht verwirklichen.

Gerade darin öffnet sich eine tiefere Perspektive:
Was David nicht kann, tut Gott.

Gott begegnet der Schuld des Menschen nicht aus sicherer Entfernung. Er bleibt nicht auf Abstand. Er trägt die Konsequenz menschlicher Freiheit selbst. Nicht, um Schuld kleinzureden, sondern weil Liebe Beziehung ernst nimmt.

Schuld zerstört reale Beziehungen. Wer wirklich liebt, bleibt davon nicht unberührt.

Barmherzigkeit bedeutet deshalb nicht, dass Schuld egal wäre. Sie bedeutet, dass Gott den Menschen nicht aufgibt.


Der Psalm gibt dem Ganzen eine Stimme

Neben dieser dramatischen Erzählung steht Psalm 86 – ruhig, bittend, beinahe zerbrechlich:

„Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort,
denn elend und arm bin ich.“

(Ps 86,1)

Hier spricht kein Sieger.
Hier spricht ein Mensch, der weiß, dass er auf Gott angewiesen ist.

Und weiter heißt es:

„Du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben,
reich an Liebe für alle, die zu dir rufen.“

(Ps 86,5)

Der Psalm erklärt die Geschichte nicht.
Aber er hilft, sie von innen her zu verstehen.

Gottes Barmherzigkeit kommt nicht daher, dass ihm Schuld egal wäre, sondern daher, dass er dem Menschen treu bleibt.


Was diese Texte über Gott sagen

Zusammen gelesen zeigen diese Texte keinen distanzierten Gott. Sie zeigen einen Gott, der den Verlust spürt, der leidet, der trauert – und der den Menschen nicht loslässt, selbst dort, wo alles zerbricht.

Vielleicht liegt genau hier ein Kern der Barmherzigkeit Gottes:
Gott ist nicht der, der den Sünder loswerden will.
Er ist der, der ihn zurückhaben möchte.


Hinweis: Der Text zu meinen Gedanken und das Titelbild wurden mit Unterstützung einer KI erstellt.