Nach dem Kapitel “Die erste Begegnung mit dem Heidentum” gibt es heute das fünfte Kapitel aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Die Heidenwelt war äußerlich und, soweit es bei ihr möglich war, auch innerlich auf die Verkündigung des Evangeliums vorbereitet. Für diese Verkündigung mußten aber auch die Apostel selbst vorbereitet werden. Immer wieder hatte der göttliche Meister es versucht, sie von der jüdischen Vorstellung zu befreien, als ob der verheißene Erlöser ein weltliches Reich gründen und damit dem Volk Israel eine irdische Vormachtstellung schaffen würde. Bei der Himmelfahrt des Herrn war die Erziehung der Apostel noch nicht abgeschlossen. Wie der Herr gesagt hatte, sollte ja der Heilige Geist sie in alles einführen, was sie von ihrem Meister gehört, aber noch nicht vollständig begriffen hatten. Wohl in keinem Punkte war die Hilfe von oben so notwendig wie in der Frage, ob die Heiden ohne weiteres in das Reich Christi aufgenommen werden könnten. Hielt es schon bei den Aposteln als Kindern des Volkes, die sie nun doch einmal waren, schwer, die Lösung im Geiste Christi zu begreifen, dann mußte dies noch viel schwerer sein bei den erst durch die Apostel bekehrten Juden. Aber die Hand Gottes griff zur rechten Zeit selber ein und riß die Pfähle aus, hinter denen sich der Geist des Judentums eingeengt hatte. Gott tat dies in einem wunderbaren Vorgang, der weithin den großen Gang der Weltgeschichte bestimmte.

In Cäsarea, so berichtet der heilige Lukas im zehnten Kapitel der Apostelgeschichte, lebte ein Mann mit Namen Kornelius; er war Hauptmann in der sogenannten italienischen Abteilung. Samt seinem ganzen Hause war er fromm und gottesfürchtig, spendete dem Volk reichlich Almosen und betete unablässig zu Gott. Dieser Hauptmann, noch ein Heide, aber ein sehr guter Mensch und auch schon gottgläubig und gottesfürchtig, hatte eines Nachmittags um drei Uhr ein wunderbares Gesicht (Vision). Er sah, wie ein Engel Gottes bei ihm eintrat.

„Kornelius!“ redete der Engel ihn an.

Der Hauptmann war ganz starr und fragte erschrocken: „Was gibt es, Herr?“

Der Engel antwortete: „Deine Gebete und deine Almosen sind als Opfergaben zu Gott emporgestiegen. Sende nun Männer nach Joppe und laß einen gewissen Simon mit dem Beinamen Petrus kommen. Er ist Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt. Er wird dir sagen, was du tun sollst.“ — Und der Engel war verschwunden.

Eilig rief der Hauptmann zwei Diener und einen gottesfürchtigen Soldaten aus seiner ständigen Umgebung, setzte ihnen alles auseinander und schickte sie nach Joppe. Am nächsten Mittag kamen sie in die Nähe der Stadt, gerade um die Stunde, in der Petrus auf dem flachen Dach seines Gastgebers saß und auf die Mahlzeit wartete. Da sah der Apostel etwas vom Himmel herabschweben. Es war wie ein großes Leinentuch, das an den vier Enden auf die Erde herabgelassen wurde. In dem Leinentuch waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere und Vögel und er hörte eine Stimme: „Auf, Petrus, schlachte und iß!“

Nun muß man daran denken, daß Israel seine besonderen Speisegesetze hatte, wonach manche Tiere als unheilig und unrein galten und nicht  gegessen werden durften. „O nein, Herr!“ erwiderte darum Petrus; „noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen.“ Aber die Stimme rief: „Was Gott für rein erklärt hat, sollst du nicht unrein nennen!“ Und noch ein drittes Mal mahnte die Stimme. Dann wurde das Leinentuch emporgehoben und verschwand in der Höhe.

Was war das? — Petrus dachte nach. Mitten in sein Nachdenken klang eine Stimme: „Siehe, drei Männer suchen dich. Wohlan, gehe hinab und ziehe ohne Bedenken mit ihnen; denn ich habe sie gesandt!“

Wirklich, unten standen drei Männer. Es waren die Abgesandten des Hauptmannes Kornelius, sie hatten sich bis zum Hause des Simon durchgefragt und richteten nun ihren Auftrag aus.

Gleich am folgenden Tag machte sich Petrus mit ihnen nach Cäsarea auf und einige Christen aus Joppe schlossen sich ihnen an. Als der sehnsüchtig wartende Hauptmann Petrus sah, ging er ihm entgegen, fiel vor ihm nieder und bezeigte ihm seine Verehrung. Petrus richtete ihn auf und sagte: „Steh auf, auch ich bin nur ein Mensch.“ Mit ihm in das Haus eintretend fand er dort viele Leute versammelt. Um ihnen zu erklären, warum er so ohne Scheu in das Haus eines Heiden gehe, er, von dem sie doch wußten, daß er aus Israel stammte, hub er an: „Wie ihr wißt, ist es einem Juden nicht erlaubt, mit einem Fremden zu verkehren oder ihm zu nahen. Mir aber hat Gott gezeigt, daß man keinen Menschen unheilig und unrein nennen darf. Deshalb bin ich auch ohne Bedenken mitgegangen, als ihr mich rufen ließet. Nun frage ich: Warum habt ihr mich rufen lassen?“ Kornelius hatte es schnell erzählt und fügte bei: „Du hast recht getan, daß du gekommen bist, und jetzt stehen wir alle vor Gott da, um alles zu vernehmen, was dir vom Herrn aufgetragen ist.“

Petrus begann. „Ich erkenne“, sagte er, „ich erkenne in Wahrheit, daß Gott nicht auf die Person sieht. Vielmehr ist ihm in jedem Volk angenehm, wer ihn fürchtet und recht tut.“

Das war die tiefe Erkenntnis, die er aus dem Geheimnis des großen Leinentuchs gewonnen hatte. Dann stellte er kurz das Leben, das Leiden, die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu dar und hob hervor, daß er selbst alles gesehen und gehört habe.

„Während er noch redete“, so berichtet der heilige Lukas, „kam der Heilige Geist auf alle herab, die auf sein Wort hörten und die Christen, die früher Juden gewesen waren, staunten gar sehr darüber, daß auch für die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen Sie hörten nämlich die nun gläubig gewordenen Heiden in fremden Sprachen reden und Gott lobpreisen. Da sprach Petrus: „Kann man denen das Wasser der Taufe versagen, die gleich uns den Heiligen Geist empfangen haben?‘ Und so ließ er sie denn im Namen Jesu Christi taufen. Darauf baten sie ihn, noch einige Tage bei ihnen zu bleiben.“

Petrus mußte aber bald wieder nach Jerusalem zurück. Kaum war er da, machten ihm die Christen, die ja ehedem Juden gewesen waren, Vorwürfe darüber, daß er zu den Heiden gegangen und gar noch mit ihnen gegessen habe. Petrus aber legte ihnen den Hergang dar und berief sich auf den Heiligen Geist. Dreimal habe ihm die Stimme vom Himmel befohlen, nicht unrein zu nennen, was Gott, wie ja das Gesicht des großen Leinentuchs mit den Tieren beweise, für rein erklärt habe. Als dann schließlich sogar  der Heilige Geist auf die Heiden im Hause des Kornelius herabgekommen sei, habe er sich an das Wort des Herrn erinnert: Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geiste getauft werden. „Wenn also Gott“, so schloß er, „den Heiden, als sie an den Herrn Jesus Christus glaubten, die gleiche Gabe wie uns verliehen hat, wie hätte ich mich da erkühnen dürfen, Gott zu hindern.“

Darauf konnten denn auch die Judenchristen in Jerusalem nichts mehr antworten. „Sie beruhigten sich“, heißt es in der Apostelgeschichte; „sie priesen Gott und sagten: also hat Gott auch den Heiden die büßende Umkehr verliehen, die zum Leben führt.“

Das war die erste Vorbereitung und Wegbereitung für die Aufnahme der Heiden in die Kirche. Damit nahm die äußere Geschichte des Reiches Gottes die von dem Herrn befohlene und von dem Diakon Philippus schon angebahnte entschiedene Wendung aus der Enge in die Weite, aus der örtlichen Bindung in die weltbeherrschende Freiheit, vom Einzelvolk zur Menschheit, von der Besonderheit, ohne die berechtigte Besonderheit aufzuheben, zur Allgemeinheit, zur katholischen Kirche.

Unterdessen freilich hatte Gott noch auf eine andere, nicht weniger wunderbare Weise vorgesorgt. Alle, die davon erfuhren, staunten darüber; ja, sie konnten es im Anfang kaum glauben. Es war aber auch wirklich eine jener göttlichen Großtaten, von denen die Christen aller Zeiten ehrfürchtig in die Knie sinken.

Fortsetzung folgt mit dem Kap. „Die Berufung des Saulus zur Heidenmission„.

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