Nach dem Kapitel “Der Höhepunkt im Kampf der Juden gegen die Erlösung der Heiden” gibt es heute das 12. Kapitel aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Fünf Tage war Paulus in Cäsarea, als auf Wunsch des Landpflegers Felix der Hohepriester Ananias von Jerusalem kam, um seine Anklage gegen den Apostel vorzubringen. Ein Rechtsanwalt namens Tertullus begleitete den Hohenpriester. Tertullus eröffnete die Anklage, hieß den Apostel den „Rädelsführer der empörerischen Sekte der Nazarener“, stellte ihn als einen Aufruhrstifter unter allen Juden in der Welt hin und nannte ihn geradezu eine Pest. In aller Ruhe verlangte Paulus, seine Feinde sollten ihm doch ein Verbrechen beweisen. Das konnten sie allerdings nicht und der Landpfleger, der vom Christentum nichts wußte, vertagte die Gerichtssitzung, bis der Oberst Lysias von Jerusalem gekommen wäre. Dem Hauptmann, der für Paulus verantwortlich war, befahl der Landpfleger, den Apostel „wohl zu verwahren und mild zu behandeln, auch keinem von den Seinigen zu verbieten, ihm Dienste zu leisten“ (Apg 24, 23).

Diese Maßnahmen waren sicher nicht im Sinn der Juden gelegen. Der Landpfleger ließ sogar, gemeinschaftlich mit seiner Gemahlin Drusilla, den Apostel öfter zu sich rufen, um mit ihm über das Christentum zu reden, nicht aus lauterem Sinn für das Evangelium; Felix wartete viel mehr auf Bestechungsgelder. So verging eine Woche nach der anderen  das erste Jahr und das zweite Jahr. Dann trat an die Stelle des Felix ein neuer Landpfleger namens Festus.

Drei Tage nach seinem Amtsantritt begab sich Festus nach Jerusalem. Kaum in der Stadt, wurde er sofort von den Juden bestürmt, er möge den Apostel nach Jerusalem bringen lassen. Sie hofften nämlich, auf dem Weg den Apostel töten zu können. Festus aber erwiderte, sie sollten mit ihm nach Cäsarea gehen, wenn sie etwas gegen Paulus vorzubringen hätten. Was wollten sie tun? Sie zogen wohl oder übel mit nach Cäsarea und wiederholten hier die Anklage, womit sie schon den Landpfleger Felix zu einer Verurteilung des Apostels hatten bestimmen wollen. Festus kam in Verlegenheit. Entscheiden konnte er nicht; denn es fehlte ihm jede Kenntnis der religiösen Fragen. Auf der anderen Seite wollte er sich nicht gleich bei seinem Amtsantritt gegen die Juden ungefällig zeigen. In dieser Verlegenheit fragte er den Apostel, ob er nicht vielleicht nach Jerusalem gehen und sich dort richten lassen wolle. Hätte er zugestimmt, niemand wäre froher gewesen als die Juden; Jerusalem freilich hätte der Apostel wohl niemals gesehen. Was aber anstatt dessen geschah, hatten die Juden nicht erwartet.

Ruhig und überlegen, vielleicht mit heimlicher Genugtuung über die Enttäuschung der Juden, trat der Apostel vor und sprach: „Landpfleger, ich stehe vor dem Richterstuhl des Kaisers; da muß ich gerichtet werden. Den Juden habe ich kein Leid getan, wie du besser weißt. Wenn ich ein Leid getan oder etwas begangen, was den Tod verdient, so weigere ich mich nicht zu sterben; ist aber nichts an dem, dessen sie mich beschuldigen, so vermag niemand, mich ihnen zu überliefern. Ich rufe den Kaiser an“ (Apg 25, 10 f).

Mit diesem einen Wort „ich rufe den Kaiser an“ waren die Juden beiseite geschoben. Festus besprach sich mit seinem Rat und verkündete: „Den Kaiser hast du angerufen — du sollst zum Kaiser gehen“ (Apg 25, 12).

Was aber sollte er dem Kaiser berichten? Er konnte doch keinen Gefangenen nach Rom schicken, ohne anzugeben, aus welchem Grund der Mann gefangen war. Es war ihm daher gewiß nicht unangenehm, daß gerade jetzt König Agrippa von Jerusalem mit der Königin Berenike ihn besuchte und er so über die leidige Angelegenheit reden konnte. Agrippa ließ sich Paulus vorführen und der Apostel gab ihm einen ausführlichen Bericht über sein Leben. „Durch Gottes Hilfe geschützt“, so schloß er, „lebe ich heute noch und lege vor groß und klein Zeugnis ab. Ich verkündige nichts anderes, als was die Propheten und Moses geweissagt haben: der Messias werde leiden, als erster von den Toten auferstehen und dem Volke wie den Heiden das Licht verkünden“ (Apg 26, 22 f).

Der Landpfleger, dem, wie gesagt, jedes Verständnis für religiöse Fragen fehlte, konnte den Worten des Apostels gar keinen Sinn abgewinnen. „Du bist von Sinnen, Paulus“, sagte er; „die große Gelehrsamkeit bringt dich um den gesunden Verstand.“

Der Apostel aber erwiderte: „Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen; ich rede nur die nüchterne Wahrheit. Der König weiß von diesen Dingen; darum rede ich ganz freimütig vor ihm. Denn ich kann nicht glauben, daß ihm etwas davon unbekannt ist; die Sache hat sich ja nicht in einem entlegenen Winkel zugetragen.“ Und sich an Agrippa wendend, fragte er ihn geradezu: „König Agrippa, glaubst du den Propheten? Ich weiß, du glaubst.“ Nachdenklich entgegnete der König: „Fast überredest du mich dazu, Christ zu werden.“

„Wollte Gott“, antwortete ihm der Apostel, „daß über kurz oder lang nicht bloß du, sondern alle meine heutigen Zuhörer das würden, was ich bin, diese Fesseln ausgenommen.

„Da erhoben sich der König, der Statthalter, Berenike und die übrigen Anwesenden und im Weggehen sprachen sie zueinander: Der Mann tut nichts, was Tod oder Kerker verdient. Ja, Agrippa bemerkte zu Festus:  Man könnte den Mann freilassen, wenn er nicht Berufung an den Kaiser eingelegt hätte“ (Apg 26, 24—32).

Was alles wäre jetzt noch zu erzählen! Um es kurz zusammenzufassen: Paulus wurde nach Rom geführt. Mit anderen Gefangenen wurde er einem Hauptmann namens Julius übergeben und auf ein Schiff aus der Stadt Adrumet gebracht. Der Apostel wurde gut behandelt; der menschenfreundliche Hauptmann erlaubte ihm sogar, in Sidon an Land zu gehen, seine Freunde zu besuchen und sich von ihnen verpflegen zu lassen. Nur hätte der gute Hauptmann mehr auf den Apostel hörcn sollen, als dieser riet, das alexandrinische Schiff, das sie von dem Hafen Myra aus zur Weiterfahrt benützten, möge drohender Stürme wegen an der Küste der Insel Kreta überwintern und günstigeres Wetter abwarten; Schiff mit Menschen und Fracht müßten sonst Schaden leiden. Der Hauptmann aber verließ sich auf den Schiffsherrn und den Steuermann und diese waren für sofortige Weiterfahrt.

Die Folge war eine furchtbare Seenot. Ein Ostnordoststurm brach los, die Segel mußten eingezogen werden, hilflos wurde das Schiff auf dem wütenden Meer herumgeschleudert, am zweiten Tag wurde ein Teil der Ladung über Bord geworfen, am dritten Tag warf die Mannschaft eigenhändig das Schiffsgerät in das Wasser, von Essen und Trinken keine Rede mehr — alles schien verloren.

In dieser höchsten Not trat Paulus vor die zermürbte Mannschaft und sprach: „Ihr Männer, man hätte mir folgen und nicht von Kreta abfahren sollen; dann wäre uns dieses Ungemach und dieser Schaden erspart geblieben. Doch, wie die Dinge jetzt liegen, ermahne ich euch, guten Mutes zu sein. Kein Menschenleben wird verloren gehen, sondern nur das Schiff. Denn heute Nacht erschien mir ein Engel des Gottes, dem ich angehöre und diene, und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor dem Kaiser stehen. Siehe, Gott hat dir alle deine Reisegefährten geschenkt. Ich vertraue auf Gott“, schloß Paulus, „daß es so kommen wird, wie mir gesagt wurde. Wir müssen jedoch auf irgendeine Insel verschlagen werden“ (Apg 27, 21—26).

Die Insel, auf die sie verschlagen wurden, war die Insel Malta. Die Leute dort hatten schon vielmals erlebt, wie Schiffbrüchige an ihr Gestade getrieben wurden; aber eine solche Aufregung hatte es noch kaum gegeben wie jetzt. Das Schiff, das auf eine Landzunge zusteuerte, geriet nämlich auf Grund, der hintere Teil wurde zertrümmert, der vordere blieb unbeweglich stecken und nun hieß es sich ins Wasser stürzen und an das Ufer schwimmen. Um ihnen ein Entrinnen unmöglich zu machen, hätten die Soldaten die Gefangenen gern getötet; aber der Hauptmann, der um keinen Preis zulassen wollte, daß dem Apostel ein Leid geschehe, verbot es und so wurden um des Apostels willen auch die anderen Gefangenen gerettet. Wer schwimmen konnte, mußte zuerst über Bord und die übrigen wurden dann auf Brettern und Schiffsteilen an das Ufer gerettet. Dort sammelten sich rasch die Inselbewohner um die Schiffbrüchigen und zündeten ein Feuer an, um die Durchnäßten zu erwärmen und zu trocknen. Dabei half auch Paulus. Nun geschah es, daß, als er ein Reisigbündel auf das Feuer legte, eine von der Hitze aufgeschreckte Natter hervorschnellte und sich ihm mit giftigem Biß an die Hand hing. Alles schrie auf. Die Inselleute stießen einander an und sagten: Dieser Mensch ist gewiß ein Mörder; kaum dem Ertrinken entronnen, hat ihn jetzt die Schlange. Der Apostel aber schleuderte die Schlange ins Feuer, so ruhig, wie man einer Fliege wehrt. Aller Augen hingen nun an seiner Hand; man wartete darauf, daß sie anschwellen würde. Keine Spur. Wiederum stießen sie einander an und meinten: Der ist ein Gott. Sie sollten noch andere Dinge sehen.

In der Nähe lagen die Landgüter eines gewissen Publius, eines auf der Insel hochangesehenen Mannes, von dem die Schiffbrüchigen freundlich aufgenommen und drei Tage bewirtet wurden. Der Vater des Publius lag schwer krank an der Ruhr darnieder und hatte hohes Fieber. Der Apostel besuchte ihn, betete über ihn, legte ihm die Hände auf und — der Kranke war gesund. Jetzt kam die ganze Insel in Bewegung. Von überallher wurden die Kranken beigebracht, ein Strom des Segens ging von dem Apostel aus und die Leute wußten gar nicht, was sie dem Apostel und seinen Gefährten Gutes tun konnten.

Aber so viel Gutes auch der Apostel auf Malta erfuhr, so viel Gutes er selbst auf Malta wirken konnte, was war Malta?

Malta war bloß eine Zwischenlandung. Paulus mußte nach Rom.

Fortsetzung folgt mit dem Kap. „Der Abschluß des Kampfes der Juden gegen die Urkirche„.

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