Oder: Ein Gebet gegen geistliche Trägheit

Der armenische Kirchenvater Hl. Nerses Schnorhali (1102–1173) formuliert in diesem Text eine schonungslose Ehrlichkeit vor Gott. Er bekennt, dass er weder im Verborgenen treu gebetet noch im Öffentlichen standhaft Zeugnis gegeben hat. Weder der „Schein“ noch die „Wirklichkeit“ seines Glaubens waren stark – seine Faulheit war größer als seine Hoffnung.

Und doch endet das Gebet nicht in Selbstanklage, sondern in Vertrauen.

Der Gebetsweisung entsprach ich weder darin, geistigerweise in meine Herzenskammer zu gehen noch mich an die Straßenecken zu stellen, um wenigstens menschlichen Lohn zu erhalten.

Sondern in beidem war ich nachlässig: Was den Schein und was die Wirklichkeit betrifft; Denn meine Faulheit war stärker als die Hoffnung und besiegte sowohl die irdische als auch die himmlische!

Nun aber möge Er, der dem Wesen nach Dein Vater im Himmel ist und den du durch Gnade auch uns zum Vater gegeben hast, mir gewähren, dass ich mit reinem Herzen Seinen Namen auf vollkommene Weise anrufe:

Das Reich des Herrn komme, um meine Seele zu leiten; Und auf dieser Erde – hier, in mir – Geschehe Sein Wille, so wie im Himmel.

Das tägliche Brot und das immerwährende Brot, Heilmittel für meinen Leib und Heilmittel für meine Seele, Gebe Er mir, dem Bedürftigen, reichlich: Sowohl das geistliche als auch das materielle.

Mir, dem Schuldner, erlasse Er meine Schuld, So wie auch ich dem erlasse, der mir etwas schuldet; Oder besser noch: Möge Er Vergebung beiden Seiten gewähren, damit mir vergeben werde.

Und möge Er dem Versucher nicht erlauben, mich, einen Feigling, so zu versuchen wie einen Tapferen; Sondern möge Er mich vor seinem Schwert bewahren und selbst gegen den Bösen kämpfen!

Hl. Nerses Schnorhali (1102-1173)
armenischer Patriarch, Zweiter Teil, § 408-414; SC 203 (Deuxième partie, Jésus Fils Unique du Père, éd. du Cerf, 1973; p. 120-121 ; ins Dt. übers. © evangelizo)

🕊 Vom Versagen zur Bitte

Nerses nimmt das Vaterunser Wort für Wort auf – aber nicht abstrakt, sondern existentiell:

  • „Das Reich des Herrn komme, um meine Seele zu leiten.“
  • „Geschehe Sein Wille – hier, in mir.“
  • „Das tägliche und das immerwährende Brot gebe Er mir.“
  • „Erlasse mir meine Schuld.“
  • „Bewahre mich vor dem Bösen.“

Es ist bemerkenswert:
Er bittet nicht zuerst um äußere Veränderungen, sondern um eine innere Wandlung. Das Reich Gottes soll in seiner Seele beginnen.


🌿 Ein Gebet für unsere Zeit

Wie oft sind auch wir innerlich nachlässig –
zwischen geistlichem Anspruch und tatsächlichem Leben.

Dieses Gebet lädt ein:

  • ehrlich vor Gott zu werden,
  • Schwäche nicht zu verstecken,
  • und dennoch mit kindlichem Vertrauen zu beten.

Besonders berührend ist die letzte Bitte:

„Möge Er dem Versucher nicht erlauben,
mich, einen Feigling, so zu versuchen wie einen Tapferen;
sondern möge Er mich vor seinem Schwert bewahren
und selbst gegen den Bösen kämpfen.“

Hier spricht kein geistlicher Held, sondern ein Mensch, der weiß, dass er Gottes Schutz braucht.


✨ Impuls für heute

Vielleicht genügt heute ein einziger Satz dieses Gebetes:

„Geschehe Dein Wille – hier, in mir.“

Nicht irgendwo.
Nicht irgendwann.
Sondern jetzt.

In meinem Herzen.


📜 Anhang: Wer war Hl. Nerses Schnorhali?

Hl. Nerses Schnorhali (auch Nerses IV. „der Gnadenreiche“) war von 1166 bis 1173 Katholikos (Patriarch) der Armenischen Apostolischen Kirche.

Kurzüberblick:

  • 📅 Geboren: 1102
  • Gestorben: 1173
  • ⛪ Amt: Katholikos (Oberhaupt) der Armenischen Kirche
  • ✍ Bekannt für: Theologische Schriften, Hymnen, Gebete und geistliche Dichtungen
  • 🤝 Besonderes Anliegen: Einheit der Christen und Dialog mit Byzanz

Er war nicht nur Kirchenleiter, sondern vor allem ein geistlicher Dichter. Seine Gebete zeichnen sich durch große Demut, innige Christusliebe und eine tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift aus.

In der armenischen Tradition wird er bis heute als einer der bedeutendsten Mystiker und Hymnendichter verehrt.


Dieser Text wurde mit KI-Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft.